Paris - Gleich zu Beginn, als Joseph die Türen seines Cafés aufklappt, ist es um uns geschehen. Wir verfallen dieser Liebeserklärung an die Stadt Paris und ihre Menschen. Und es geht so weiter: Wir singen und lachen, heben unser Glas und schmachten mit. Wir erleben die Gespräche und Musik im „Vieux Belleville“, wohl dem letzten Café Musette. Wir machen das „Quartier de Belleville“ im 20. Arrondissement zu unserem Viertel; dies muss der Himmel sein. Moment mal: Kann es sein, dass diese brennende Liebe nicht auf Gegenseitigkeit beruht? Dass die Stadt der Liebe nicht nur uns Bildungsbürger aus gutem Hause und mit gepflegter Konversation liebt, sondern alle Menschen? Oder am Ende doch nur sich selbst?
Regisseurin Daniela Abke hat mit „Belleville - belle et rebelle“ einen ungewöhnlichen Dokumentarfilm in schwarz-weiß abgeliefert, der so charmant und poetisch daherkommt, und doch zutiefst politisch ist und eindeutige Botschaften sendet über Zivilcourage, Einmischung und Zusammenhalt. Dass es in Frankreich eigentlich ganz anders zugeht als in diesem Mikrokosmos, kann jeder an den bestehenden Verhältnissen sehen und am Aufschwung der rechtsextremen Partei „Rassemblement National“ von Marine Le Pen ablesen.
Doch wir hegen Zweifel, weil wir gern glauben wollen, was und wen wir da auf der Leinwand erleben: den Basken Lucio, Maurer und Anarchist, textsicher und mit säuselnder Stimme; Minelle, die Sängerin und Akkordeonistin, ausgestattet mit allerlei Tinnef und ansteckender Heiterkeit; Robert Bober, ehemaliger Regieassistent von Truffaut, Schriftsteller, Fotograf und Filmemacher; Riton la Manivelle, Bariton und Drehorgelspieler und auch Steven, der schottische Bistro- und Wandmaler. Sie alle pflegen irgendeinen Spleen, doch sie sind sympathisch, auf ihre bescheidene Art intellektuell und stehen als Zeitzeugen für Paris als Sehnsuchtsort der Einwanderer. Gleichzeitig wird in noblem Monochrom die Gegenwart der Banlieues kaschiert, der verstädterten Bereiche außerhalb einer Großstadt, die sich im Zuge von Urbanisierung und unbezahlbarem Wohnraum herausbildeten und wohin sich mittlerweile selbst die Polizei nicht traut.
Die im westfälischen Versmold geborene Regisseurin Daniela Abke studierte Musik und Kunst an der Uni Oldenburg, bevor sie sich dem professionellen Filmemachen zuwendete. Ihr 98-minütiges Filmporträt ist herrlich aus Mode und Zeit gefallen, ein Sittengemälde des 20. Jahrhunderts. Gefeiert wird das tief in der französischen Seele verwurzelte Liedgut; Menschen jeden Alters singen Chansons von Fréhel, Piaf und Gainsbourg, tanzen dazu und zelebrieren die ewig moderne Idee von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Hier in ihrem Viertel sind sie Mensch, in diesem Erlebnispark werden Pariser Kommune, Resistance und Mai 1968 am Leben erhalten. Die sehenswerte Doku, die ab sofort in deutschen Kinos zu sehen ist, erfüllt nahezu alle Sehnsüchte - nur den Wunsch nach einem französischen Filmverleih hat sich bislang nicht erfüllt.
