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Geschichte Film über Musensöhne der Nazis

Hans Begerow

FRANKFURT - „Musensöhne“ heißt ein Film, den die Besucher der Musikfilmtage in Oberaudorf am 12. Juli anschauen können. Musensöhne – das sind die Schüler des musischen Gymnasiums in Frankfurt gewesen, das von 1939 bis 1945 bestanden hat.

Wunderkind

Regisseur Philipp Clarin hat einen Semi-Dokumentarfilm über die Einrichtung gedreht, der die von den Nazis gegründete Schule und ihren charismatischen Leiter Kurt Thomas (1904–1973), den späteren Thomas-Kantor (1957–1960), zum Thema hat. Anlass für die Gründung war der Wille der Nationalsozialisten, das Monopol der Kirche auf die musischen Eliten zu brechen und eine eigene, den Idealen der Nazis genehme musische Elite zu fördern. Einer der Initiatoren dieses Konzeptes war Dr. Martin Miederer, (SS-Offizier und ab 1937 Leiter der Musikabteilung im Reichserziehungsministerium) und späterer Gemeindedirektor der damals selbstständigen Gemeinde Neuenburg (heute Zetel).

Miederer war ein Bewunderer von Kurt Thomas, ein musikalisches Wunderkind. Er hatte mehrfach Berufungen zum Professor an verschiedenen Hochschulen abgelehnt, weil er der Überzeugung war, er alleine sei zum nächsten Thomas-Kantor prädestiniert.

„Erst als den Posten jemand anders bekam, ging Thomas als Professor an die Musikhochschule Berlin, was für ihn, gemessen am Thomas-Kantorat, nur zweite Wahl war“, erzählt Regisseur Philipp Clarin, der mit Musensöhne seine Abschlussarbeit an der Hochschule für Fernsehen und Film vorlegte.

Miederer, der nicht nur Mitglied der SS war, sondern auch für den Geheimdienst der SS, den sogenannten Sicherheitsdienst SD, arbeitete, überzeugte Hitler von der Idee des musischen Gymnasiums und sorgte dafür, dass Thomas dessen Leiter wurde (was der zunächst ablehnte). Miederer lancierte einen Zeitungsartikel, dass Thomas der künftige Leiter des musischen Gymnasiums werde. Den darauf entbrannten Streit beendete der einflussreiche Miederer mit der Drohung, einen Führerbefehl zu veranlassen.

Das musische Gymnasium in Frankfurt wurde zum Kriegsbeginn 1939 eröffnet, in einer ehemaligen Villa der jüdischen Fabrikanten-Familie Weinberg. Über Kurt Thomas wird bis heute gestritten. Hätte er das Amt als Leiter einer Nazi-Schule ablehnen müssen? „Ich glaube aber fest daran, dass es, was die Sicherheit der Schüler und Lehrer betrifft, keinen besseren Schulleiter hätte geben dürfen“, ist Philipp Clarin überzeugt, dessen Vater, der Schauspieler Hans Clarin, wie viele prominente Künstler der 50er, 60er und 70er Jahre Absolvent des musischen Gymnasiums war (etwa Paul Kuhn, der Dirigent Wolfgang Trommer oder Heinz Hennig, Gründer des Knabenchors Hannover). In Erzählungen Ehemaliger, nachgestellten Begebenheiten und Dokumenten erzählt Clarin die interessante Geschichte des Gymnasiums. Produziert wurde der Film im Auftrag des WDR, wo er auch im dritten Programm ausgestrahlt wurde.

Verschwiegen

Ein Nachsatz zu Martin Miederer: Als diese Zeitung 2007 über Miederers Nazi-Vergangenheit berichtete, wurde der damalige Filmstudent Philipp Clarin auf den Bericht aufmerksam. Miederer, ein Volljurist, hatte 1962 bei seiner Einstellung als Gemeindedirektor seine Nazi-Vergangenheit verschwiegen und auf Nachfrage erklärt, es sei aus seiner Sicht für seinen neuen Arbeitgeber nicht notwendig, Personalakten aus der Vergangenheit beizuziehen.

Er blieb bis 1972 Gemeindedirektor in der kleinen Gemeinde Neuenburg.

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