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Literatur Garantierte Donnerschläge

Reinhard Tschapke

FRANKFURT - Es war der 15. August 1993. An diesem Abend wurde jedem Fernsehgucker klar, wie bedeutend und beredsam, umstritten und witzig, klug und kernig Marcel Reich-Ranicki sein kann.

Grollen im Himmel

Schwüle Luft machte das Salzburger Fernsehstudio zur Sauna. Im ZDF sendete man das „Literarische Quartett“. Diskutiert wurde über Martin Walsers schlechten Roman „Ohne einander“. Man saß unter einer hitzigen Glaskuppel, gerade trug MRR, wie er gern abgekürzt wird, mal wieder seine Tirade gegen Walser vor. Plötzlich tat es einen gewaltigen Donnerschlag, der alle Worte übertönte. Noch in das Grollen hinein hob Reich-Ranicki die Arme gen Himmel und rief aus: „Also, man wird doch noch etwas gegen Walser sagen dürfen!“

Die besten Anekdoten, die klügsten Bonmots des berühmtesten deutschen Literaturkritikers hat jetzt der Journalist Franz Josef Görtz in einem wohlfeilen Bändchen herausgegeben. Der trägt den putzigen Titel „Fabelhaft! Aber falsch!“ Görtz (63) ist seit Jahrzehnten einer der engsten Mitarbeiter Reich-Ranickis bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Der Germanist hat eine Gesamtausgabe Erich Kästners herausgegeben und eine Biografie Heinz Rühmanns verfasst. Seine Sammlung zu Reich-Ranicki liest sich flott und kurzweilig.

Deutlich wird, das MRR einen neuen Ton in die deutsche Literaturkritik einführte, der direkter, klarer, verständlicher war als die Weihräucherei, die bis in die 60er Jahre im Altherrenton die Feuilletons bestimmte.

Seine Schlagfertigkeit steht außer Frage. Selbst seine Eitelkeit trägt er lächelnd zur Schau: „Wenn von mir die Rede ist, davon rede ich sehr gerne.“

Am Telefon meldet er sich stets mit einem langgezogenen „Jaaaaa?“ Meist geht es gleich zur Sache: „Lieber, was gibt’s Neues?“ Hat man nicht den jüngsten Klatsch auf Lager, kommt gleich sein „Kenne ich schon, nein, es ist so . . .“

Den Redakteur, der lange für MRR den nächsten Fortsetzungsroman für das Feuilleton bei der FAZ aussuchte, fragte er obligatorisch nach dem Buchinhalt: „Lieber, sind Schweinereien drin?“ Die Bücher der sogenannten Kölner Schule (Rolf Dieter Brinkmann, Dieter Wellershoff u. a.) brachte er in seiner Art auf den Punkt: „Das Einzige, was diese Autoren miteinander verbindet, ist, dass alle in diesen Romanen onanieren.“

Danke, Liebster

Über Harriet Beecher-Stowe, die „Onkel Toms Hütte“ schrieb, urteilte er: „Sie hat gesagt, als sie das Buch schrieb, habe Gott ihr die Feder geführt. Das halte ich für Blasphemie, denn sie machte Gott für die ganzen Sentimentalitäten und all den Kitsch verantwortlich, den sie ziemlich stark lieferte.“

Man möchte in dieser Art wieder und wieder aus dem Bändchen zitieren, so viel Spaß bereiten die Formulierungen, Gags und Wortwitze, immer sind sie scharfzüngig, meist knapp, garantiert präzise auf ein dickes Ende hinsteuernd.

Ein junger Mann, der sich bei ihm einmal als Redakteur bewarb, kanzelte er ab: „Wollen Sie die Welt verbessern? Lassen Sie das lieber – einer meiner Vorfahren hat’s versucht, den haben sie ans Kreuz genagelt.“

Einmal nahm Elke Heidenreich, sonst eine resolute Talkmasterin, Journalistin und Schriftstellerin, nach einer Debatte all ihren Mut zusammen. In der ganzen Sendung hatte sie MRR als „Liebste“ angeredet. In der Abmoderation schlugt sie dann zurück: „Danke, Liebster!“

Es soll der Beginn einer wunderbaren Freundschaft gewesen sein.

(89) lebt in Frankfurt am Main. Er überlebte als Jude das Warschauer Ghetto und siedelte später aus Polen nach Deutschland über. Bereits in den 60er Jahren wurde er ein berühmter Kritiker. Viele Jahre leitete er das Ressort „Literarische Leben“ bei der Frankfurter Allgemeinen. Die TV-Sendung „Literarisches Quartett“ sorgte für große Bekanntheit.

„Fabelhaft! Aber falsch!“ (Dumont, Köln, 142 S., 12,95 Euro).

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