FRANKFURT/MAIN - Ein letztes Mal hat Harry Potter das Weihnachtsgeschäft angekurbelt. 2008 werden Harrys Zauberkräfte dem Buchhandel fehlen. Zunächst einmal freut sich die Branche über einen Aufschwung in 2007, den viele eigentlich nicht mehr für möglich hielten. Mit einem Plus von rund drei Prozent geht der Handel in den Weihnachts-Endspurt.

„Die Grundstimmung ist besser geworden“, sagt Branchenexperte Boris Langendorf. Ein Prozent des Wachstums geht nach Schätzungen auf Harrys Konto. Allein der Ende Oktober erschienene siebte und letzte Band wurde drei Millionen Mal aufgelegt. Schon auf Englisch schaffte es Potter im Sommer auf Platz eins der Bestsellerliste.

Doch Deutschland hat ja inzwischen seine eigene Joanne K. Rowling: Cornelia Funkes Fantasy-Roman „Tintentod“ bleibt Harry unter dem Weihnachtsbaum vermutlich dicht auf den Fersen. Funke, in Kalifornien lebende, derzeit erfolgreichste deutsche Schriftstellerin, beendete mit dem dritten Band ihre „Tintenherz“-Trilogie. Doch der Handel darf sich freuen, weil die arbeitswütige Hamburgerin gleich an mehreren neuen Büchern arbeitet, wie sie im November verriet.

So wird es möglicherweise „im Jahr eins nach Harry Potter“ nicht ganz so schlimm werden, weil die deutsche Literatur nicht nur im Kinder- und Jugendbuchmarkt ein großes Comeback erlebt. Schon lange nicht mehr standen so viele deutsche Romane auf den Verkaufslisten so weit oben wie in diesem Jahr. Im ersten Halbjahr 2007 kamen 50 Prozent der Bestseller aus einheimischer Produktion, wie das Branchenmagazin „Buchreport“ jüngst ausgerechnet hat.

Und Top-Seller wie die Bayern-Krimis von Andrea Schenkel, der Hausfrau aus der Nähe von Regensburg, haben auch die meisten Kritiker begeistert. Das gilt auch für Julia Francks Buch „Die Mittagsfrau“.

Die junge Berliner Autorin, die in ihrem Roman das Schicksal der eigenen Familie mitverarbeitet hat, erhielt am Vorabend der Frankfurter Buchmesse im Oktober den Deutschen Buchpreis für die beste deutschsprachige literarische Neuerscheinung. Der Verlag S. Fischer hat die Lizenz inzwischen in fast 20 Länder verkauft.

2007 war aber nicht nur das Jahr der Frauen, sondern auch das der „alten Männer“: Günter Grass, der im Oktober 80 Jahre alt wurde, ließ sich gleich tagelang feiern. Die zahllosen Lobeshymnen – der Bundespräsident stellte den Literaturnobelpreisträger in eine Reihe mit Thomas Mann – müssen ein Labsal für Grass gewesen sein.

2006 war er heftig unter Beschuss geraten, weil er seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS erst in seinem jüngsten Buch „Beim Häuten der Zwiebel“ enthüllte. Seinem Kollegen und Freund Martin Walser hatte Grass bereits ein halbes Jahr zuvor zu dessen 80. Geburtstag seine Solidarität im Kampf mit der Öffentlichkeit versichert. Er hoffe, Walser werde „das, was man in Deutschland Öffentlichkeit nennt“, weiter „gelegentlich ärgern“, schrieb Grass süffisant.

Ein anderer großer Autor wird der literarischen Debatte künftig fehlen. Walter Kempowski, der in Nartum bei Bremen wohnte, starb im Alter von 78 Jahren nach schwerer Krankheit.