• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Kultur

Mit Vorliebe für das bessere Argument

11.06.2019

Frankfurt /Oldenburg Jürgen Habermas, der am 18. Juni seinen 90. Geburtstag begeht, hat sich kürzlich in einem Interview für eine Tageszeitung als „Patrioten des Landes“ bezeichnet, das nach schmerzhaften historischen Lernprozessen eine „stabile Demokratie“ und eine „liberale politische Kultur“ hervorgebracht hat. Mit dieser Bemerkung kommt er auf den Nervenpunkt seines seit Jahrzehnten anhaltenden Engagements in der Rolle des öffentlichen Intellektuellen zu sprechen.

Seine kritischen Denkanstöße gelten der Idee einer streitbaren Demokratie aus dem Geiste der Kommunikation. Der Philosoph und Sozialtheoretiker argumentiert in seinen zahlreichen, vielfach übersetzten Büchern immer wieder, dass Demokratie ohne vitale Debatten über das Für und Wider anstehender politischer Entscheidungen nicht funktionieren kann. Das Forum dieser Auseinandersetzungen ist eine aktive Öffentlichkeit, die der Vermittlungs- und Deutungsleistungen unabhängiger publizistischer Medien bedarf.

Weltinnenpolitik

Habermas kommt es heute angesichts der Dynamik ungezügelter globaler Märkte darauf an, dass die in der Perspektive internationaler Verantwortung zu betreibende Politik dazu beiträgt, die institutionellen Voraussetzungen der Demokratie in den Ländern dieses Erdballs zu stabilisieren. Ziel muss es sein, die Werte rechtsstaatlicher Verfassungen praktisch werden zu lassen, indem man im internationalen Konzert der politischen Kräfte darauf drängt, die demokratischen Spielregeln universell zu respektieren.

Es bedarf, wie er fordert, einer „Weltinnenpolitik ohne Weltregierung“. Denn für die ökologischen, militärischen und für die wirtschaftlichen Risiken gibt es keine territorialen Grenzen. Akute Gefahren für den Zustand der Demokratie sieht der bis in unsere Tage sich kritisch äußernde Emeritus in der unilateralen America-First-Politik des twitternden amerikanischen Präsidenten und den rückwärtsgewandten Ideologien eines neuen Nationalismus, wie sie von rechtspopulistischen Regimes auch in europäischen Staaten praktiziert werden. Seine Sympathien hat Habermas unlängst mit den europapolitischen Initiativen von Emmanuel Macron zum Ausdruck gebracht. So betonte er in der Diskussion mit dem französischen Präsidenten, dass die EU weit mehr sei als eine Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft. Vielmehr sei sie als eine politische Ordnung mit staatlicher Qualität zu verstehen, die sich die Bürger Europas selbst gegeben haben. Deshalb müssen sie ihre Zukunft aus eigener Initiative bestimmen, wie aktuell die Fridays-for-Future-Schülerbewegung oder die Initiative Puls of Europe.

Denn der politischen Elite, so beklagt Habermas, fehlt schon viel zu lange der Mut zum entschlossenen politischen Handeln, das die globale Expansion des Kapitalismus in seine Schranken verweist. Habermas hat sich durch sein Lebensthema Demokratie zu einer einzigartigen Innovation in der abendländischen Philosophie inspirieren lassen. Im Zentrum seines Werks steht die Diskursethik. Sie weist einen Weg, wie in idealer Weise, das heißt frei von Zwängen, mit den Mitteln der Umgangssprache, eine Einigung bei allen Fragen erzielt werden kann, die strittig geworden sind.

Neues zur Vernunft

Bei Diskursen handelt es sich um transparente und nachvollziehbare Begründungsprozesse, ausgehend davon, dass es keinen Begriff des Wahren, Richtigen und Wahrhaftigen vor aller Prüfung geben kann. Somit vertritt Habermas, zweihundert Jahre nach Kant, ein ganz neues Konzept von Vernunft.

Sie ist das Ergebnis von Prozeduren, die im sozialen Raum und in der historischen Zeit situiert sind. Vernunft ist etwas, das in dialogischen Verfahren jeweils hervorgebracht werden muss. Erst nach dem Diskurs kann etwas einleuchtend oder nicht einleuchtend sein. Solche herrschaftsfrei geführten Diskurse, die alle Betroffenen als gleichberechtigte Teilnehmende einbeziehen, sind die grundlegenden Voraussetzung eines rationalen Konsensus, der die Anerkennung aller Betroffenen verdient.

Im Alltag kommunizieren Menschen über etwas, das in ihrer natürlichen und sozialen Welt vorkommt. Damit diese Verständigung zustande kommt, müssen sie wechselseitig unterstellen, sich wahr zu äußern, richtig zu verhalten und wahrhaftig auszudrücken.

Solidarisch sein

Indem sie derart Gründe und Gegengründe über faktisch Wahres und moralisch Gerechtes ins Spiel bringen, darf erwartet werden, dass sich am Ende der zwanglose Zwang des besseren Arguments durchsetzt.

Habermas’ große Leistung als bedeutendster zeitgenössischer Philosoph besteht im Kern darin, nachgewiesen zu haben, dass die Vernunft im kommunikativen Gebrauch der Sprache steckt. Mit diesem Nachweis kann er begründen, dass es nur den diskursiven Weg gibt, um trotz aller Fehlbarkeit vorerst gültige Erkenntnisse zu gewinnen, um trotz aller Meinungsunterschiede eine tragfähige Übereinkunft zu erzielen. Damit ist die Bedingung beschrieben, in solidarischer Weise miteinander zu leben.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.