Schlutter/Delmenhorst - Wir schreiben das Jahr 1370. Vor etwas über einem Jahr ernannte Gerd, Graf von Delmenhorst und Oldenburg und Truchsess von Schleswig und Holstein, Detlef Fischer zum Freiherrn von Schlutter. Diese Ehre wurde ihm „völlig überraschend“ in einer Silvesternacht zuteil, erzählt der 55-Jährige. Seither herrscht er gemeinsam mit Ehefrau Daniela, Freifrau von Schlutter, über das Gebiet der Gänseweide, eine Moorlandschaft, auf der die Burg Schluttere stand, bis sie zum zweiten Mal vom Ritter von Bardenfleth niedergebrannt wurde.
30 Jahre Mittelalter
Natürlich befinden sich Detlef und Daniela Fischer nicht wirklich im Jahr 1370. In seiner Freizeit lebt das Ehepaar jedoch leidenschaftlich mit der Gruppe „De Horster“ das mittelalterliche Lagerleben. „De Horster“ nannten sich die Bauern, die zu jener Zeit auf einem Horst, einer trockenen Stelle im Sumpf lebten. Detlef Fischer ist seit über 30 Jahren in der Mittelalterszene aktiv. Die Ahnenforschung hat ihn damals dazu bewogen, sich mit dieser Zeit auseinanderzusetzen. Seine Familie stamme nämlich, so der „Freiherr“, aus dem Hause Albrecht im Jahr 1061 – „der verarmte Zweig von den Hohenzollern“.
Auch seine Freifrau hat der Freiherr, als sie sich vor 18 Jahren kennenlernten, für das Leben im 14. Jahrhundert begeistern können. Geheiratet hat das Paar übrigens auch traditionell in mittelalterlicher Kluft: „Das war schon ein Schauspiel“, erinnert sich Daniela. Während sie in der modernen Zeit im eigenen Haus in Delmenhorst wohnen, wäre jedoch, so wie für Freiherr und Freifrau vorgesehen, 1370 die Burg Schluttere ihr Zentrum gewesen. Die Burg bestand allerdings nicht lange, auch war sie kein edles Schloss, sondern eine „Motte“. Das ist eine Burgform „mit kleinem Hof, kleinem Turm und rundherum mit Holz befestigt, sonst eigentlich nichts“, erklärt Fischer schmunzelnd.
Dennoch ist die Wehrburg Teil seines eigenen Landes, das er als unterer Adel zu verwalten hat. So darf der Freiherr auch Ritter, Knappen, Stallburschen und weiteres Personal ernennen, ist aber noch immer seinem Lehnsherren unterstellt. „Eigentlich ist er nur ein guter Bauer“, witzelt Detlef, „aber der große Vorteil ist: Er muss keine Steuern zahlen“. Mit Steuern sind natürlich Abgaben an den Lehensherren gemeint, der in diesem Fall Kaiser Jasper ist, der über das gesamte norddeutsche Gebiet herrscht. Kaiser Jasper gehört der größten regionalen Gruppe der Mittelalterszene „Liberi effera“, den freien Wilden, aus Osterholz-Scharmbeck, an.
Bunte Vielfalt
Mittelaltergruppen gibt es viele, denn vielfältig sind auch ihre Themengebiete. Während sich „De Horster“ der authentischen Darstellung des 14. Jahrhunderts verschrieben haben, finden sich bei „Liberi effera“ noch ganz andere Ausrichtungen: Es gibt Hollywood-Mittelalter der 50er und 60er Jahre mit bunten Kostümen, LARPer (Live-Action-Role-Player), also Menschen, die das Leben im Mittelalter und auch Schlachten nachspielen, sowie Orks,Elfen und das ganze magische Volk.
Die Gruppe der Fischers bietet auf ihren authentischen Märkten unter anderem Axtwerfen, Schmieden sowie „Teeren und Federn für Jedermann“ an. Das Ehepaar trifft man auf solchen Veranstaltungen meistens im eigenen Lager. Detlef ist beim Wurfkreuzwerfen zu finden, „und sonst an der Taverne“, sagt der Freiherr und lacht.
