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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Schatten von Krieg und Vertreibung

23.11.2018

Friedland /Bremen Der schicksalhafte Verlust von Heimat – selten findet sich ein so kollektives Wort dafür wie Friedland im südlichsten Zipfel Niedersachsens. Zunächst stand das Lager unter der Aufsicht der britischen Besatzer. Ab September 1945 kamen die Menschen an der innerdeutschen Grenze an, die Flüchtlinge aus den östlichen Ländern, die Vertriebenen, die deutschen Kriegsgefangenen aus Russland.

Christopher Spatz hat jetzt zu den ersten Jahrzehnten des Lagers das Sachbuch „Heimatlos“ (Verlag Ellert & Richter, 224 Seiten, 88 Abbildungen, 20 Euro) herausgebracht und mit kundigen Beiträgen bestückt. Es geht um Traumatisierung, Zusammenhalt und Verlust. Und um den langen Schatten des Durchgangslagers bis in die heutige Zeit. Herausragende Schwarzweiß-Fotografien von Fritz Paul (1919–1998) – viele bislang unveröffentlicht – runden den Band ab.

Arno Surminski (84), der große alte Ostpreußen-Erzähler, berichtet in seinem Beitrag von einer einsamen und armen Frau, die 1955 einem alten Mann vertraut. Der hieß Adenauer und hatte in Köln-Bonn noch auf dem Flugfeld nach der Rückkehr aus Moskau versprochen, dass die letzten Gefangenen aus Russland heimkehren werden.

Deutschland jubilierte. Radiosender spielten sinnreich den „Chor der Gefangenen“. Die arme Frau reiste mit den Kindern an der Hand nach Friedland, sie erwartete ihren vermissten Mann. Sie sah die ausgemergelten Gestalten, die gegerbten Gesichter, das stumpfe Leid in den Augen der Freigelassenen. Zug um Zug kam in Friedland an. Wer nicht kam, war ihr Mann.

Die Frau brach zusammen, sie weinte lange, reiste ab. Ihren Mann sah sie nie wieder. Was ihr blieb, war das Foto eines jungen Mannes in Uniform auf der Kommode.

Das war kein Einzelschicksal. Die Bilder der Nissenhütten, Baracken und Wattejacken stehen auch für den Krieg, für Millionen Tote, für die Kriegsfolgen, für Heimkehrer und Aussiedler, für ein Trauma, das bis heute in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt ist. Aber Friedland steht als Ort auch für Hoffnung und eine neue Heimat. Zehntausende Flüchtlinge und Vertriebene landeten später im Nordwesten von Niedersachsen. Und fast alle kamen sie über Friedland.

Der Historiker Spatz, 1982 in Bremen geboren, schrieb 2015 seine Doktorarbeit über ostpreußische Wolfskinder, die sich durch die Nachkriegswinter hungerten. Spatz hat genau recherchiert, er sprach zum Beispiel auch mit einem rüstigen 97-Jährigen, der das Lager einst durchlief.

So ist mit diesem neuen Band ein Kaleidoskop aus Tod und Freiheit, Rührseligkeit und Erinnerung entstanden. Es ist ein Buch, das nicht mit Wissenschaftlichkeit trocken punktet, sondern eines, das entschieden mitfühlt und so zum Schmökern und Schauen einlädt.

Nicht das Schlechteste, was einem Buch passieren kann.

Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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