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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Literatur: Der Dichter der konkreten Sprache

26.03.2020

Oldenburg Immerhin der berühmte Turm in Tübingen öffnete zum Auftakt des Hölderlinjahres Mitte Februar wieder seine Türen – und musste sie nun doch wieder schließen: Die Corona-Krise macht auch vor dem 250. Geburtstag von Friedrich Hölderlin nicht Halt. Die Feier zum Ehrentag des Dichters am vergangenen Freitag mit Eröffnung des Hölderlin-Wohnhauses im Geburtsort Lauffen am Neckar wurde verschoben. Auch alle anderen Veranstaltungen zum Jubiläumsjahr finden nun erst einmal oder überhaupt nicht statt. Tröstende Worte in diesen Zeiten liefert der Dichter selbst: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“ heißt es in seiner Patmos-Hymne.

Warum man Hölderlins Texte heute noch lesen sollte, weiß Johann Kreuzer, Professor für Geschichte der Philosophie an der Universität Oldenburg und Präsident der Hölderlin-Gesellschaft. „Wenn man begreifen will, was Sprache bedeutet und was sie bedeuten kann, dann ist Hölderlin die Referenz“, sagt er.

Johann Kreuzer BILD: Weller

Hölderlin-gesellschaft

Die Hölderlin-Gesellschaft mit Sitz im Hölderlinturm in Tübingen hat weltweit knapp 900 Mitglieder. Sie möchte das Verständnis für Hölderlins Werk vertiefen. Präsident derGesellschaft ist der Oldenburger Professor Johann Kreuzer. Er folgte 2018 auf die Oldenburger Professorin Sabine Doering. Sie ist nach wie vor auch Vorstandsmitglied.

Wen Hölderlins Sprache beeinflusst hat? „Ach, alle“, sagt Kreuzer, oder zumindest: alle, die mit Dichtung zu tun hätten, darunter zahlreiche Philosophen von Benjamin über Heidegger bis hin zu Adorno. Überhaupt sei Hölderlin, der von 1770 bis 1843 gelebt hat, eine Entdeckung des 20. Jahrhunderts. „Die großen Gedichte sind 1914 das erste Mal veröffentlicht worden.“ Nach den zwei Weltkriegen sei Hölderlin jeweils schnell zur Referenz geworden bei der Suche nach Perspektiven danach, „was als Verständigung durch Sprache und in der Sprache nach dieser Katastrophe noch möglich ist“, sagt Kreuzer. „Hölderlins Sprache ist sehr konkret.“ Es gehe ihm nicht um besonders gereimte oder schöne Dinge. „Bei ihm ist dichterische Sprache auf der Höhe der philosophischen Reflexion.“

Hölderlin, sagt Kreuzer, lasse sich zwar literaturgeschichtlich in keine Schublade einordnen – weder in die der Klassik noch in die der Romantik. Ein Sonderling sei er aber bestimmt nicht gewesen. „Hölderlin war gut vernetzt und kein verzärtelter Schöngeist“, sagt Kreuzer. Im Gegenteil: Der Dichter marschierte zum Beispiel von Tübingen nach Bordeaux, fast 1000 Kilometer, zu Fuß, im Winter – nichts für zarte Schöngeister.

Aber dann ist da ja noch die Sache mit dem Turm: Die letzten 37 Jahre seines Lebens lebte Hölderlin in einem Turmzimmer bei einem Tübinger Schreinermeister. Die Mär vom verrückten Dichter im Turm ist leicht erzählt, laut Kreuzer aber zu einfach gedacht. Hölderlin habe sicherlich Psychoseerfahrungen gemacht, biografische Einschnitte zwischen 1802 und 1807 dürfen aber nicht außer Acht gelassen werden: der Tod der Geliebten, politische Verfolgung, Zwangsbehandlung mit starken Medikamenten.

Dass eines der berühmtesten Gedichte Hölderlins, „Hälfte des Lebens“, sich rückblickend nahezu prophetisch zu Hölderlins Leben verhält, ist für Kreuzer im Übrigen nebensächlich. Viel wichtiger: „Wenn man sich die Rhythmik und die Konkretheit der Sprache anschaut, ist das einfach eines der besten Gedichte, die es in deutscher Sprache gibt.“ Ein guter Ausgangspunkt also für jene, die sich Hölderlin nähern möchten, ohne sich bisher konkret mit ihm befasst zu haben? Da möchte sich Kreuzer dann lieber doch nicht festlegen. Man müsse einen Zugang finden, und der sei eben individuell. Aber: „Wenn es einen erwischt hat, dann, verspreche ich Ihnen, werden Sie diese Berührung zeitlebens nicht mehr los.“

Nathalie Meng Volontärin, 3. Ausbildungsjahr / NWZ-Redaktion
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