FRIESOYTHE - „Da haben viele Menschen hier ein völlig falsches Bild von uns und unserer Lebensart. Wir haben in Russland genauso Weihnachten am 24. und 25. Dezember gefeiert, wie die Deutschen es hier auch tun.“ Maria Maul (44) stammt aus Omsk in Sibirien. Jetzt lebt sie in Friesoythe. Sie zählt zur großen Gruppe der Spätaussiedler aus den Staaten der früheren Sowjetunion: „Wir lebten in Russland, sind dort geboren.“ In ihrem Pass war – wie übrigens bei allen Spätaussiedlern aus Russland – als Staatsangehörigkeit „Russisch“ eingetragen, als Nationalität „Deutsch“.
Eigentlich sei es damals im kommunistischen Russland verboten gewesen, das Weihnachtsfest zu feiern, erzählt Maria Maul. Wie eben alles, was mit dem christlichen Glauben zu tun hatte. Sogar Taufen fanden konspirativ in der Nacht statt. Die vier Brüder von Maria Maul wurden auf diese Weise in die Kirche aufgenommen.
Und auch Weihnachten habe sich die Familie immer heimlich unter dem Tannenbaum in der guten Wohnstube treffen müssen. Doch sonst war alles so wie auch in Deutschland: Die Kinder erhielten Geschenke. Oft Holzspielzeug, das der Vater gebastelt hatte. Vater und Onkel spielten den Weihnachtsmann und Knecht Ruprecht, den sie „Pelznickel“ nannten. Maria Maul: „Der Weihnachtsmann verkörperte das Gute, Pelznickel das Böse“.
Erika Gieske (44) war einst in Astana zuhause, der großen Stadt in Kasachstan. Dort lebten einst 5000 Deutsche. Und auch sie wuchs christlich erzogen auf. Maria Gerber (48) aus Esil in Kasachstan, die jetzt auch schon viele Jahre mit ihrer Familie in Friesoythe lebt, pflichtet Erika Gieske bei und erinnert sich an ihre Kinderzeit: „Alles was mit der Kirche zu tun hatte, war verboten. Wir sollten doch alle zu Atheisten erzogen werden. Da durften wir das Weihnachtsfest nicht feiern. Also taten wir es heimlich und versteckt hinter verschlossenen Türen.“
Ella Galimov (49) stammt wie Maria Maul aus der sibirischen Millionen-Metropole Omsk. Sie kam ebenso wie ihre Freundin Anfang der 1990er Jahre im Zuge der großen Aussiedlerwellen in die Bundesrepublik und nach Friesoythe: „Die alten Bräuche konnten in der großen Stadt nicht so gepflegt werden, wie wir es gerne getan hätten.“ Erst Glasnost und Perestroika brachten später Lockerung.
„Spielsachen konnten wir uns in den 1970er und 1980er Jahren zu Weihnachten nicht leisten. Wir waren ärmer. Da waren wir froh, wenn es einige Süßigkeiten, Äpfel und Nüsse geben konnte.“ In Deutschland pflegen Maria Maul und Ella Galimov die deutschen Traditionen, wie sie es in Russland auch taten. Maria Maul: „Wir feiern Weihnachten genauso wie die Deutschen.“ Dennoch sei hier einiges anders, haben die beiden Frauen erfahren. Ella Galimov: „Hier ist Weihnachten ein gesellschaftliches Thema. Alles ist viel freier.“
Kulinarisch hält es die 49-Jährige übrigens mit der deutschen Weihnachtstradition und tischt zum Fest Gans mit Rotkohl und Klößen auf. Und Erika Gieske freut sich schon auf die traditionellen Sauerkrautstrudel: „Das ist die wunderbare alte deutsche Küche, die wir von unseren Eltern und Großeltern in Kasachstan übernommen haben.“
In manchen Aussiedler-Familien wird das Weihnachtsfest zwei Mal gefeiert, am 24. und 25. Dezember sowie am 6. und 7. Januar gefeiert. Diese Tradition haben einige Familien mit nach Friesoythe gebracht. Maria Maul erklärt: „Das russische Weihnachtsfest richtet sich nach dem julianischen Kalender. Die Russen sind erst mit dem Ende des Zarentums 1918 auf den gregorianischen Kalender umgestiegen, der damals in Westeuropa schon lange Gültigkeit hatte.“ Allerdings richte sich die orthodoxe Kirche in Russland noch heute nach dem julianischen Kalender.
Die Kalenderfrage ist für Erika Giske heute kein großes Thema mehr. Sie sehnt seit Wochen das Weihnachtsfest herbei, denn dann erwartet sie auch ihren Ehemann zurück. Der arbeitet bei einer großen Firma in Friesoythe und ist für das Unternehmen derzeit an dessen Firmensitz in China tätig.
Erika Giske: „Dann sitzt die Familie Weihnachten endlich wieder an einem Tisch.“
