FRIESOYTHE - Die prächtige Sauer-Orgel war das ideale Instrument für ein bewegendes Programm. Werner Haselier begeisterte.

Von Reinhard Rakow

FRIESOYTHE - Ob die Friesoyther nicht wissen, welches Juwel sie in ihren Mauern besitzen? Die Sauer-Orgel von 1994 prunkt mit 47 Registern, drei Manualen, französischem Timbre und nicht zuletzt der machtvoll verstärkenden Akustik des Raumes der Pfarrkirche von St. Marien. Oder gilt, Matthäus 13,57, der Prophet nichts im eigenen Vaterland? Oder war’s, ganz profan, schlicht zu kalt? Jedenfalls hätte das Orgelkonzert mit Werner Haselier mehr Zuhörer verdient gehabt.

„Die romantische Sonate“ ist der Titel einer von Haselier selbst initiierten fünfteiligen Konzertreihe, in der exemplarische Orgelwerke der großen Meister von namhaften Interpreten der Region zu Gehör gebracht werden. Stefan Decker, Regionalkantor in Vechta, gestaltete das erste Konzert; Eckart Kuper von der Musikhochschule Hannover (3. Juli), Tobias Götting, Lamberti Oldenburg (3. September) und Karsten Klinker, St. Andreas Cloppenburg (15. Okotber) werden noch folgen.

Für das jetzige, zweite Konzert hatte Haselier ein wohl durchdachtes Programm vorbereitet: Von der Ausdrucksintensivierung bei Carl Philipp Emanuel Bach und dem späten Mozart über Romantik pur, wie ein August Gottfried Ritter sie verstand, hin zum ausladend hyperromantisch-postmodernen Schwelgen Max Regers; eingebettet in den spannenden Bogen einer „Toccata und Fuge” des Interpreten selbst als Uraufführung.

Dass Musizieren die Intelligenz fördert, spricht sich allmählich herum; dass sie noch dazu jung hält, belegen Menschen wie Haselier, der, Jahrgang 1931, nicht nur ein Feuerwerk an gestalterischen Ideen zündete, blitzgescheit und treffsicher, sondern diese noch dazu bis zum schweißtreibenden Ende der Regerschen Tour de Force kongenial wie virtuos umzusetzen verstand. Da waren auf der einen Seite Bach und Mozart, logisch und schlicht in der Struktur, doch delikat bis anrührend im Ton, von Haselier überaus apart akzentuiert, tendenziell expressiv. Da war auf der anderen Seite die sich jeder Etikettierung verweigernde kühne Harmonik Regers, bei der „jeder Akkord auf einen anderen folgen kann“, ein üppiges, überbordendes Gefüge weitschweifiger Melodien und Variationen, das alle Möglichkeiten ausnutzt, vom differenzierten Dolce-Piano bis zur gravitätisch-orchestralen Wucht, deren Klangfülle und -stärke den Zuhörer gleichsam erschlägt (und dem Interpreten alles abfordert!).

Dazwischen Ritter; als Domorganist in Magdeburg war er berühmt, als Komponist weniger, wohl zu Unrecht. Seine a-Moll-Sonate verströmt den Geruch der Blauen Blume aufs Angenehmste; die vier Sätze, kurz und eindrucksvoll, sind voller luzider Gedanken. Haseliers eigene Komposition fügte sich hier, an vermittelnder Stelle, besonders fein. Ein kleines Thema schwingt sich modulatorisch auf zu einem vorwärts treibenden Fluss harmonischer Wendungen, die sich schließlich im Kirchenlied vom leuchtenden Morgenstern vereinen und enden.