Oldenburg - Das Brustbildnis zeigt einen etwa sechs- bis achtjährigen Knaben, dessen große Augen unschuldig und erstaunt zugleich wirken und mit dem treuen Blick des Hundes, der brav und wohlerzogen auf dem Schoß seines Besitzers Platz genommen hat, korrespondieren.
Das Bildnis stammt vermutlich von Caspar Netscher, der zunächst als Genremaler arbeitete, sich später jedoch der Porträtmalerei widmete. Diese Möglichkeit der Spezialisierung auf einzelne Gattungen hing mit den politischen Entwicklungen der Niederlande seit dem 16. Jahrhundert zusammen.
Im Zuge des religiösen Bildersturms wurden Heiligenbilder aus Kirchen verbannt. An die Stelle der Andachts- und großformatigen Altarbilder traten neue Bildgattungen. Zwar entfielen Aufträge für Stifterporträts auf Altarbildern; die Porträtmalerei erfuhr jedoch ebenso wie an-dere Gattungen im sogenannten Goldenen Zeitalter einen bisher nicht gekannten Aufschwung.
Gefräßiges Wesen
Netschers Gemälde ist ein Zeugnis der in großer Zahl angefertigten Kinderporträts. Häufig wurden Kinder zusammen mit einem Hund dargestellt, der in die Malerei als Symbol für Erziehung Eingang fand. Diese Tradition geht zurück auf die antike Geschichte des Gesetzgebers Lycurgus, der dem Volk von Sparta ein Gleichnis über die Bedeutung von Erziehung vorträgt. Es handelt von zwei Hunden des gleichen Wurfs, die auf unterschiedliche Weise erzogen wurden.
Während man den einen also zu einem Jagdhund schulte, erlaubte man dem anderen, gefräßig zu sein, so dass die beiden Hunde dann trotz gleicher Abkunft durch unterschiedliche Erziehung verschiedene Charaktere ausgebildet hatten: Der eine wurde zu einem eifrigen Jagdhund, der andere zu einem Vielfraß.
Die Symbolik des Hundes folgt also dem Gedanken, dass ein junger Hund frühzeitiger Erziehung bedarf, um gehorsam zu sein und später als Jagdhund zu dienen. Netschers Gemälde zeigt uns einen Wachtelhund oder Spaniel, die bereits seit dem 13. Jahrhundert zur Niederwildjagd eingesetzt wurden.
Ratgeber für Eltern
Der Hund dient hier als Sinnbild guter Erziehung, die der Betrachter nicht nur auf ihn, sondern auch auf die Kinder beziehen soll. Neben der Malerei haben sich auch zahlreiche zeitgenössische medizinische und pädagogische Ratgeber für Eltern mit dem Thema der Fürsorge und der Kindererziehung auseinandergesetzt.
Die zunehmende Besorgnis um das Kind und dessen körperliches wie auch geistiges Wohlergehen belegen die Anerkennung des Kindes und die Wertschätzung der Erziehung. Sie waren die sogenannten spes patriae, die Hoffnung des Vaterlandes, deren frühzeitige Erziehung die Voraussetzung für eine erfolgreiche persönliche sowie gesamtgesellschaftliche Zukunft darstellte.
Das Kunstwerk des Monats ist im gesamten Mai im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte in Oldenburg ausgestellt.
