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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Geschichte: Für einen kurzen Moment ein Held

14.07.2017

Oldenburg /München Von „gequälter Leinwand“ war die Rede, von „seelischer Verwesung“ und „geisteskranken Nichtskönnern“. Vor 80 Jahren, am 19. Juli 1937, wurde in München die Propaganda-Ausstellung „Entartete Kunst“ eröffnet, mit der die Nationalsozialisten die moderne Kunst diffamierten. Kunst, die zuvor aus 30 deutschen Museen geholt worden war – rund 600 Werke von rund 1100 ausgesonderten.

Die systematische „Säuberung“ der Museen fand jedoch später statt. Die Museumsdirektoren wurden angewiesen, sämtliche Arbeiten von als „entartet“ eingestuften Künstlern aufzulisten. Bei dieser zweiten Beschlagnahmeaktion wurde Oldenburg trotz seiner Randlage nicht verschont. Am 22. August 1937 standen Vertreter der Kommission vor den Toren des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte: an einem Sonntag, um die Mittagszeit, nach ihrem Abstecher in Bremen. „Es war ein großes Glück“, sagt Museumsdirektor Rainer Stamm, dass die Kommission „unter extremem Zeitdruck stand.“

Vier Rückkehrer

Die Ausstellung „Entartete Kunst“ der Nationalsozialisten wurde am 19. Juli 1937 in den Münchner Hofgartenarkaden eröffnet und endete im November desselben Jahres. Bis 1941 folgte eine Wanderausstellung mit demselben Titel, aber zum Teil anderen Exponaten.

Folgende vier Kunstwerke kamen wieder zurück ins Landesmuseum: 1988 – „Kerzentänzerinnen“ von Emil Nolde (1917); 1989 – „Tanzversuch“ von Christian Rohlfs (1925); 2007 – „Bube mit Bonbons“ von Ernst Ludwig Kirchner (1918); 2016 – „Amaryllis“ von Christian Rohlfs (1925).

Walter Müller-Wulckow (1886–1964) kam 1921 nach Oldenburg, um ein Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte aufzubauen. Er blieb auch nach 1945 im Amt und ging 1951 in Pension.

Die Fischer-Liste der beschlagnahmten Werke unter www.vam.ac/uk

Insgesamt 103 Kunstwerke setzten die effektiven NS-Bürokraten auf eine Liste, verbunden mit der Aufforderung an den damaligen Museumsdirektor Walter Müller-Wulckow, sie nach Berlin zur zen­tralen Sammelstelle zu schicken. Darunter befanden sich auch Bilder von namhaften regionalen Künstlern wie Franz Radziwill, Jan Oeltjen und Elsa Kasimir-Oeltjen, später selbst eine überzeugte Nationalsozialistin.

Die prominenten Gemälde, so Stamm, konnte Müller-Wulckow vor dem Bildersturm nicht verbergen. Aber über die grafischen Blätter waren nur die Mitarbeiter des Museums genau informiert.

Mit manipulierten Inventarlisten gelang es Müller-Wulckow, die Nazis auszutricksen und einige Arbeiten zurückzuhalten. So war ein Holzschnittzyklus von Jan Oeltjen doppelt im Bestand – nur einer kam auf die NS-Liste. Und wer konnte schon ahnen, dass es auch zwei unterschiedliche Meeresansichten von Christian Rohlfs gab? Mündlich überliefert, aber nicht bewiesen ist, dass der Direktor in den frühen Nachkriegsjahren expressive Druckgrafik hinter der Holzvertäfelung des heutigen Empfangszimmers im Schloss hervorgezogen hat.

Müller-Wulckow sei ein Mitläufer gewesen, urteilt Stamm, der sich nach der Decke gestreckt habe, im Übrigen ohne jegliches diplomatische Geschick – „aber da war er für einen kurzen Moment heroisch“. Durchaus mit einem gewissen Risiko habe er die Aktion der Nazis auf das Unvermeidbare zu begrenzen gewusst. Wie penibel er sich schon zuvor mit dem Thema beschäftigt hatte, belegen Dutzende von Zeitungsausschnitten zur Münchner Ausstellung, die der Direktor verwahrt hatte.

Die von Nazis eingesammelten Kunstwerke wurden auf „Verwertbarkeit“ überprüft. In drei Stufen, erläutert Stamm: Die international verkäuflichen Hauptwerke wurden auf einer berühmt-berüchtigten Auktion der Galerie Fischer in Luzern verkauft – ausschließlich gegen Divisen. In der zweiten Stufe durften vier lizenzierte Kunsthändler – darunter Hildebrand Gurlitt – die beschlagnahmten Arbeiten verkaufen.

Um welche Oldenburger Werke es sich genau handelte, lässt sich auf der sogenannten Fischer-Liste nachlesen, die das Londoner Victoria & Albert Museum auf seiner Internetseite bereitgestellt hat. Darauf steht exakt, welcher Kunsthändler wie viel Geld für welches Kunstwerk bezahlt hat. „Da kann man gar nicht hingucken“, klagt Stamm, „da blutet einem das Herz. Das waren fast Pfennigbeträge.“ Demnach zahlte Gurlitt beispielsweise für die „Kerzentänzerinnen“ von Emil Nolde „0,2 sFr“ (Schweizer Franken).

Schließlich wurde der letzte, in der Nazi-Terminologie „nicht verwertbare“ Teil der Kunstwerke vernichtet – verbrannt wie auf einem Scheiterhaufen.

In den folgenden Jahrzehnten haben sich die Oldenburger Museumsdirektoren bemüht, die klaffenden Lücken in der Sammlung moderner Kunst so gut es geht wieder zu schließen. Von den 103 konfiszierten Werken jedoch konnten nur vier zurückerworben werden.

Die Münchner Propaganda-Ausstellung wanderte bis 1941 durch zwölf weitere Städte und zog insgesamt rund drei Millionen Besucher an. Die meisten von ihnen machten sich lustig über die geschmähte, zur Schau gestellte Kunst. Aber es gab auch viele, erinnert Stamm, „die sich in beklommener Stimmung von diesen Kunstwerken verabschiedet haben“.

Regina Jerichow Redakteurin (Ltg.) / Kulturredaktion
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