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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Kino: Fürs Rentnerdasein fehlt ihm einfach die Zeit

13.01.2017

Berlin Er hat die typische Berliner Schnauze: schnoddrig, frech und dennoch warmherzig. Michael Gwisdek ist fast so etwas wie ein Berufs-Berliner. Mit Filmen wie „Good Bye, Lenin!“, „Boxhagener Platz“, „Nachtgestalten“ und „Oh Boy“ hat er sich in die Herzen des Publikums gespielt. An diesem Samstag feiert er seinen 75. Geburtstag.

Quasi „aus Versehen“ ist er nun im Rentenalter auf einem weiteren Höhepunkt seines Schaffens. „Ich wollte eigentlich vor zwei Jahren aufhören“, sagt Gwisdek. „Und ausgerechnet jetzt bekomme ich ständig Angebote, die man schwer ablehnen kann“, so Gwisdek. „Ick komm’ nich dazu, Rentner zu sein.“

Ab 26. Januar ist er in der Kinokomödie „Kundschafter des Friedens“ von Robert Thalheim zu sehen – an der Seite der ebenfalls aus Ostdeutschland stammenden Stars Henry Hübchen, Winfried Glatzeder und Thomas Thieme. Erzählt wird die Geschichte früherer DDR-Spione, die vom ehemaligen Erzfeind, dem Bundesnachrichtendienst, noch einmal zu einem großen Auftrag losgeschickt werden.

Der 1942 geborene Gastwirtssohn aus Berlin-Weißensee kam schon in der DDR groß raus – erst am Theater, dann im Kino. Damit erfüllte sich ein Traum seiner Jugend – genährt durch den kleinen Grenzverkehr. „In West-Berlin ins Kino – das war unser „Saturday Night Fever““, schwärmte Gwisdek einmal.

Beeindruckt hat ihn vor allem der rote Teppich der Berlinale, der Internationalen Filmfestspiele. In einem Gespräch erinnerte sich Gwisdek: „O. W. Fischer war mein Vorbild. Ich habe mir geschworen, dass ich auch einmal, so wie er, über diesen roten Teppich laufen werde.“

Gwisdek spielte in den 60er und 70er Jahren an verschiedenen Theatern in der DDR. Sein komödiantisches Talent brachte ihm bald Rollen im Kino ein. Entscheidend waren zwei Arbeiten: Die Literaturverfilmung „Dein unbekannter Bruder“ (1982) und das Boxer-Drama „Olle Henry“ (1983). Beide Filme missfielen den Zensoren, weil sie die Verlogenheit der ostdeutschen Gesellschaft zwischen verordnetem Duckmäusertum und sinnfreier Propaganda beleuchteten.

Sein Regiedebüt „Treffen in Travers“ gab er 1988, mit seiner damaligen Frau Corinna Harfouch und ihm selbst in den Hauptrollen. Gwisdek verlegte die Auseinandersetzung mit der Ausgrenzung Andersdenkender ins historische Gewand. Das Publikum verstand den Gegenwartsbezug aber sehr genau. Damit wurde Gwisdek endgültig zum Idol all jener, die sich nicht mehr widerspruchslos anpassen wollten.

Nach dem Fall der Mauer erfüllte sich sein Traum, über den roten Berlinale-Teppich zu gehen. 1999 erhielt Gwisdek einen Silbernen Bären als bester Hauptdarsteller in Andreas Dresens „Nachtgestalten“.

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