GANDERKESEE - Wenn Harm Ehlers, Vorsitzender des Orts- und Verkehrsvereins Schönemoor, über das Maibaumstehlen vergangener Zeiten spricht, dann fallen Wörter wie „Schrotflinte“ oder „Gummiknüppel“. „Aber dies ist nun in dieser Form vorbei“, glaubt Ehlers, „die jetzige Generation ist eine andere.“

Dennoch werden auch dieses Mal in der Nacht zum 1. Mai wieder etliche junge Männer in und um Ganderkesee losziehen, um sich gerade mühselig hochgezogene Maibäume der Nachbarorte zu Eigen zu machen. Diese greifen heute allerdings auf andere Mittel als damals zurück. „Das A und O bei dieser Tradition ist es, keine verbale oder körperliche Gewalt anzuwenden“, sagt Holger Kreye, Vorsitzender des TSV Immer-Bürstel. Sein Verein ist bekannt für die nächtlichen Streifzüge. Vor zwei Jahren kassierten die Immeraner gleich zwei Maibäume ein, letztes Jahr war es immerhin noch einer. Auch in diesem Jahr, so Kreye, werde eine Gruppe aus Immer wohl wieder auf die Jagd gehen. „Die Jugendlichen werden losziehen und schauen, wo man etwas unternehmen kann“, schmunzelt Kreye. „Wir bevorzugen aber die kurzen Dienstwege. Außerdem müssen die Bäume verladbar sein.“

In den Nachbarorten weiß man um die Gefahr, dass am nächsten Morgen das Mai-Heiligtum fehlen könnte. Deswegen stellen viele Ortsvereine Nachtwache ab, um den Baum zu beschützen. „Wir wurden damals mit Grillwürstchen geködert“, erinnert sich Harm Ehlers, der wachsam Dienst vor dem Maibaum schob.

Der Maibaum-Klau blickt auf eine lange Tradition zurück, für die eigens Regeln formuliert wurden. Um das Entwenden des Maibaums zu verhindern, muss spätestens bei Annäherung von Fremden einer der Wächter eine Hand am Baum haben. Schaffen es die Gegner, dieses zu verhindern oder die Wächter so abzulenken, dass sie ihre Pflicht vernachlässigen, genügen nur noch drei Spatenstiche gegen den Baum, und dieser gilt als gestohlen. Dabei gilt aber die eiserne Regel, dass nur derjenige Maibäume stehlen darf, der auch selber einen aufgestellt hat.

Doch die Eroberung eines Stammes ist noch lange nicht mit dessen Verlust gleichzusetzen. „Zumeist wird dem Besitzer angeboten, den Maibaum einzulösen. Früher war dies ein Kasten Bier. Heute kann das schon mal gut und gerne ein 30-Liter-Fass sein“, erklärt Harm Ehlers.

Dann, so scheint es, lohnen sich auch das lange Aufbleiben und der Streifzug durch die Nacht. Trotz aller Tradition gibt es auch Vereine, die dieser nicht frönen oder sie gar nicht erst gut heißen. „Mittlerweile findet man viele Bäume, die sogar einbetoniert sind“, sagt Harm Ehlers. Andere wiederum setzen den Maibaum erst am 1. Mai, um die Nacht zu umgehen. Das Gros greift weiter auf die normale Bewachung durch Vereinsmitglieder zurück. „Unser Baum zumindest ist bestens beschützt“, verspricht Marion Daniel vom Ortsverein Rethorn.