Ganderkesee - Wenn jemand ein ungewöhnliches und prallvolles Lebenswerk vorweisen kann, fällt oft der Satz: „Dieser Mann passt in keine Schublade!“ Abgesehen davon, dass Körper- und Schubladengrößen selten kompatibel sind: Für Hans-Joachim Hespos, 1,76 Meter lang, gibt es sowieso weder Räume, noch Kästen, noch Skalen, die Ordnung in seinen Werken schaffen würden.

80 Jahre alt wird der in Ganderkesee im Landkreis Oldenburg lebende Komponist an diesem Dienstag. Und da er musikalisch immer noch einiges im Schilde führt, muss eine Bilanz warten. Es lässt sich nur festhalten: Der 1938 in Emden geborene Hespos zählt zu den großen Männern der zeitgenössischen Musik. In über 250 dicht expressiven Werken vom Solo bis zur großen Oper hat er das belegt.

In den Partituren stechen Anweisungen ins Auge. „Näselnd verbeult“ sollen Klangkombinationen klingen, oder „zerknautscht“. Ein „knarrender Schrillriss in beißender Verklirrung“ schreckt auf. Seine Musik schwenkt von brüllend laut zu verhauchend leise. Dazwischen fehlt das Mezzoforte.

Hespos ist ein hellwacher, gründlicher, querdenkender, eloquenter, motivierender, provozierender und einnehmender Mensch. Wer mit seiner Musik umgeht, muss sich gegen Routine wappnen. „Wir müssen immer weitermachen“, sagt er. „Alles in der Hoffnung, dass die Neugierde nicht stirbt und das Erstaunen nicht aufhört.“

Über 6000 fantasiereiche Spielanweisungen tauchen bei Hespos auf, ebenso ungewöhnliche Instrumente wie Trumscheit, Alphorn, Cymbalom, Lupophon. Über Grenzen hat er Musiker damit oft getrieben. So blieb die Karriere nicht skandalfrei. Doch am Ende aller Diskussionen haben die Interpreten ihm bescheinigt, er habe sie in ihrer Kreativität ernst genommen. „Musik ist keine isolierte Kunst“, sagt der Komponist. „Mich regen stets auch Malerei, Naturwissenschaften und Philosophie an.“

Autodidakt Hespos hat bodenständig als Volksschullehrer begonnen, sich 20 Jahre enthusiastisch für seine Schüler engagiert. Früh hat er sich dem Geigenspiel zugewandt. Ab 1967 mit dem ersten Kompositionspreis zog der Erfolg ein: Stipendien, Aufträge für Kammerensembles, Orchester, Bühnen; Aufführungen in Europa, Nord- und Südamerika, Japan; Würdigungen in großen Zeitungen. Zum 150-jährigen Bestehen bestellte das Oldenburgische Staatstheater 1983 bei ihm eine Oper: „Itze-Hux“, ein satirisches Spektakel – mit einer Arie zwischendrin, die faszinierend nach Belcanto klingt. In welche Schublade soll das denn nun passen?