• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Deals
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • Veranstaltungskalender
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
  • Über uns
 
NWZonline.de Nachrichten Kultur

MUSIKUNTERRICHT: Ganz nutzlos und sehr wertvoll

19.12.2009

BAD ZWISCHENAHN Das haut sogar Lucy um, das nervige Luder aus den Peanuts-Comics. „Beethoven!“, schleudert ihr Schröder entgegen, den sie mit der Frage nach dem Sinn des Lebens löchert. Schröder ist der blonde Junge, der über seinem Spielzeugklavier hängt und fantasiert. „Allein Beethoven macht Sinn! Ganz einfach! Capito?“ Die Wucht fegt Lucie fast aus dem Bild.

Einer wie Schröder fände an deutschen Schulen nur gedämpften Widerhall. „Enorm hoch“ sei der Ausfall von Musikunterricht, stellt der Deutsche Musikrat fest. Die Quoten variieren. „Kein Fach fällt so häufig aus wie Musik“, gibt die Bilanz in einigen Bundesländern an.

Zuhören und streiten

„Der Ausfall bei Musik liegt zusammen mit Sport oder Latein im normalen Rahmen“, heißt es anderswo. Ausfallquoten zwischen zwei und 16 Prozent werden festgehalten. Ganze Jahrgänge bleiben ohne Musikunterricht.

Angaben für Niedersachsen sind nicht zu bekommen. Das Problem muss entweder belanglos sein. Oder ist es besorgniserregend? Jedenfalls hüllt sich das zuständige Kultusministerium in Hannover in Schweigen, beantwortet Fragen auch nach mehrmaligem Nachforschen nicht.

Nun mögen Beethoven und die Musik nicht absolut den Sinn des Lebens ausmachen, aber für die Sinnsuche gilt eine frühe Hinführung zur Musik als eine der wirkungsvollsten Hilfen. Der Oxforder Psychologie-Professor Robin Dunbar spricht von „sozialem Kitt“. Im Detail: Musik helfe, gerade jene sozialen Kompetenzen zu erwerben, die heute so vermisst werden – zuhören, streiten, Gespräche führen, komplex denken, sich sprachlich vielfältig und konzentriert ausdrücken. Kurzfristig beeinflusst das natürlich keine Pisa-Studien und das Geschrei darum.

Als Praktikerin weiß Elisabeth Galle: „Musik schult die Kinder gleichzeitig dreifach: Mit dem Auge für das Lesen der Noten, mit den Händen bei der technischen Umsetzung, mit dem Ohr fürs Hören.“ Die Musiklehrerin an der Realschule Bad Zwischenahn verweist zudem auf die besondere Motivationskraft: „Wirkliche Musik ist so stark, der kann sich niemand entziehen.“ Was wirkt zupackender gegen Gleichgültigkeit?

Bundesweite Löcher

Die erfahrene Pädagogin, bei der die Schüler schon mal mit Begeisterung Arien von Händel oder Mozart schmettern, unterrichtet an einer Schule, die statistisch dem Durchschnitt entsprechen könnte. Nach den Vorgaben erhalten die fünften Klassen jeweils eine Doppelstunde Musik pro Woche, die weiteren bis zur zehnten nur eine.

Derzeit bringt ein Wahlpflichtkurs 15 Kinder aus vier sechsten Klassen zusammen. Aber seit Längerem bleiben die Stufen neun und zehn ganz ohne Musik.

Solche bundesweit sichtbaren Löcher bringen auch Musikstars auf den Plan. Vor einer „Verdummung der Kinder“ warnt die Geigerin Anne-Sophie Mutter. Sänger Herbert Grönemeyer fordert: „Wir müssen die Schlagzahl verdoppeln, wenn wir uns als Kulturnation preisen!“

Die Donnerworte ernten in Kultusministerien und Schulleitungen auch Kopfschütteln. Es fehlt ja nicht unbedingt am guten Willen. Musiklehrer sind jedoch bundesweit Mangelware. In allen Ländern ist Musik als Mangelfach aufgelistet. Neue Chancen, bei Bachelor- und Masterstudium ohne Zeitverluste ins Lehramt zu steigen, greifen bisher nicht.

Nicht allerorten wird ein Lamento angestimmt. „Ich sehe hier keinen Notstand“, setzt Heinz Gassenmeier dagegen. Als stellvertretender Leiter der Oldenburger Musikschule hat er dank vieler Kooperationen einen Überblick über die Schulen in der Stadt.

Er nennt eigene Musikklassen, kennt ehrgeizige Orchesterprojekte, verweist auf Früherziehung in Kindertagesstätten. Mit aller Vorsicht wagt der Pianist sogar die Aussage: „Musikunterricht etabliert sich wieder!“

Nutzlos und wertvoll

Aber griffige Projekte der kommunalen Musikschulen entlassen die Bildungspolitik nicht aus der Verantwortung. Wer zur Musikschule geht, hat sich ja schon positiv entschieden. Doch wer nimmt im schulischen Alltag die anderen jungen Menschen mit, die ein Anrecht auf jene grundlegende Bildung haben, wie sie Musik so intensiv vermittelt?

„Musik ist ganz nutzlos – das macht sie so wertvoll!“ Oscar Wilde soll das gesagt haben.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.