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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Gastbeitrag: Ziellos auf verschlungenen Pfaden

26.09.2020

Walter Benjamin gilt als legendäre Figur, die auch 80 Jahre nach ihrem Tod zu faszinieren vermag. Dieser Ruhm wurde ihm freilich erst postum zuteil, in der Folge einer unvergleichlichen Wirkungsgeschichte seines voluminösen Werks, dessen Edition Mitte der Siebziger-jahre begann.

Benjamin, 1892 in einer großbürgerlichen, deutsch- jüdischen Familie in Berlin geboren, war offenbar, wie Zeitzeugen bekunden, eine extrem komplexe Persönlichkeit. Aber mit seiner überschießenden spekulativen Energie, seinen unkonventionellen philosophischen Interpretationen und zu blitzartigen Einsichten verdichteten Kulturanalysen, mit seiner stilistisch brillanten Schreib- und exquisiten Ausdrucksweise zog er, nicht zuletzt aufgrund seiner geradezu zeremoniellen Höflichkeit, fast jeden in den Bann, der ihm begegnete.

Das bezeugt auch eine neue Biografie, verfasst von zwei amerikanischen Literaturwissenschaftlern, die jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt. Eiland und Jennings, die beiden Autoren, haben das Verdienst, ohne je kurzschlüssig zu psychologisieren, sich gerade auch mit der facettenreichen Person Benjamins und „moralischen Schwächen“ auseinanderzusetzen.

Insofern trägt dieser Blick auf Benjamin zu seiner Entmythologisierung bei. Zum anderen werfen sie erkennbarer als bisher Licht auf die dichten Beziehungsnetze, innerhalb derer sich Benjamin bewegt hat, sowohl während der frühen Jahre seines Engagements für die Jugendbewegung und die Reformpädagogik als auch in der Phase seiner schriftstellerischen Erfolge und Misserfolge in der Weimarer Republik sowie der Zeit des Exils in Paris mit seinen prekären Existenzbedingungen.

Die Biografie unternimmt den Versuch, den ganzen Benjamin darzustellen, in nachvollziehbar erzählender Weise, chronologisch gegliedert in elf Kapitel und einen Epilog. Mit der Lebensgeschichte werden die historischen Umstände beleuchtet und das Werk in den Grundzügen seines Entwicklungs- prozesses rekonstruiert.

Der Leser erhält Einblicke in die verschlungenen Wege, die Benjamin jeweils gegangen ist. Als ihm eine akademische Karriere versagt blieb, weil seine 1925 an der Frankfurter Universität eingereichte Habilitationsschrift über den Ursprung des deutschen Trauerspiels aufgrund der Ignoranz der Gutachter scheitert, kapriziert er sich auf die Rolle des freien Autors.

Emotionale Sicherheit

Er, dem „schonungslose Urteilskraft“ nicht fremd war, suchte Zeit seines Lebens die Konfrontation in mündlicher oder ganz besonders in brieflicher Form mit jenem Kreis von Personen, die nicht nur intellektuelle Gesprächspartner, sondern Freunde waren. Sie boten dem Einzelgänger jene emotionalen und materiellen Sicherheiten, deren er sein Leben lang bedurfte.

Neben Ehefrau Dora ist es vor allem die Beziehung zu Margarete (Gretel) Karplus-Adorno, die ihm in Zeiten der Not beizustehen suchte. Sie ließ nicht davon ab, ihn angesichts von Kriegsgefahr und wachsendem Antisemitismus inständig zu bitten, dem faschistischen Europa den Rücken zu kehren, um nach New York zu kommen, wo es, wie sie im Brief festhält, verlockend viele surrealistische Dinge zu bewundern gebe.

Freitod im Exil 1940

Als seine Flucht an der französisch-spanischen Grenze zu scheitern drohte, nahm sich der herzkranke, völlig erschöpfte Benjamin in Portbou in der Nacht vom 26. auf den 27. September 1940 mit einer Überdosis Morphium das Leben. Er hinterließ einen Brief an Theodor W. Adorno, von dem er wusste, dass sich in dessen Händen eine Fassung des Manuskripts der Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ befand, Benjamins letztes Werk. Er hat es, wie alles andere, widrigen Zeitumständen abgerungen. Wie dies möglich war, beschreibt die Biografie eindrücklich.

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