Berlin - Alle Grenzen nervten ungeheuer. Das Heranwachsen in einem anderen Staat – ich meine die DDR – und einem anderen Jahrhundert erzeugte eine einzige Lust – die nach permanenter Identitätsveränderung. Um nicht nur den Ort, sondern am besten auch gleich der Zeit zu entkommen, in die man hineingeboren worden ist. Eine Art zu flüchten, wenn einer nicht wirklich flüchten kann: sich hinweglesen.
Und da kommt eine Literatur ins Spiel, die in dem einen Deutschland schon Science Fiction, in dem anderen noch utopische Literatur hieß. Obwohl die besseren Autoren eher Anti-Utopien entwarfen. Die allererste gelesene Geschichte dieser Art in einem längst entsorgten Heftchen handelte von einer Welt, in der einer sich so schnell bewegen konnte, dass ihm alles andere und alle anderen wie erstarrt erschienen.
Sie stammte vom polnischen Schriftsteller, Philosophen und fröhlichen Skeptiker Stanislaw Lem (1921– 2006), seine Bücher beschäftigten mich wahrscheinlich viel mehr als der Schulunterricht. Während ich seine Geschichten las, träumte ich klarer. Es war eine Literatur, die Literatur hinter sich lassen wollte.
Der Ausweg aus der Perspektive eines Erdendaseins führte ins Weltall: Hinwegflüchten in die Unendlichkeit des Raumes, der sich ja auch noch ausdehnen sollte, also eine permanente Horizonterweiterung bedeutete. Am besten gleich in eine andere Zeit, in ein Paralleluniversum flüchten. Und sich dabei selbst begegnen, um sich mürrisch mit sich selbst zu streiten, weil man in eine Zeitschleife geraten ist.
Die Zeit als Welle, als Delle im Raum. Auch wenn es verdammt merkwürdig sein kann, wie in Solaris verstorbenen, geliebten Menschen wiederzubegegnen oder sie durch seine Erinnerungen erst wieder entstehen zu lassen: die eigene Fantasie als Schöpfer, jeder sein eigener Gott. Oder ist es die Intensität der Liebe, die eine Wiedergeburt in einer Rakete erst ermöglicht?
Wir tragen die Welt ja im Kopf überallhin mit. Spannend auch die in verschiedenen Lemschen Büchern auftauchende Frage, ob wir in der Lage sind, eine intelligente Spezies als solche wahrzunehmen.
Lem hat mein Verhältnis zum Schmerz verändert, früher war ich aus Angst vor dem Zahnarzt schreiend aus dem Behandlungszimmer gerannt. Dank Lem entwickelte ich eine Neugier an der mit Technik gestützten Beherrschung meiner Schmerzen. Aus dem All, aus der großen Distanz gewinnt man eben Übersicht.
Das Weltall ist ein guter Ort, will man das Leben auf der Erde für einen Glücksfall halten – und im besten Falle bei geschickter Nutzung der Raumkrümmung sich selbst überholen.
