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Premiere Gefangen in Schuld und Hilflosigkeit

Seefeld - Die Pfarrerin glaubt an das Gute im Menschen. Niemand, sagt sie in ihrem letzten Monolog, wird böse geboren. „Menschen formen Menschen“, lautet ihre Erkenntnis. Aber wie wird jemand so geformt, dass er im Gefängnis landet?

Diese und andere existenzielle Fragen verhandelt die Theatergruppe der Seefelder Mühle in ihrem neuen Stück „Gestreiftes Leben“, das in einem Frauengefängnis spielt. Am Donnerstagabend feierten die 10 Darstellerinnen und 4 Darsteller Premiere im ausverkauften Dorfgemeinschaftshaus. Bis Ende der nächsten Woche sind 9 weitere Aufführungen zu sehen.

Stück selbst erarbeitet

Die Darsteller haben das Stück selbst zusammen mit ihrer Regisseurin, der Theaterpädagogin Heike Scharf, erarbeitet. Unter anderem recherchierten sie im Frauengefängnis Vechta. Sie wissen also, was sie spielen.

Entstanden ist ein Stück, das die Zuschauer gefangen nimmt. Noch lange nachdem das letzte Wort gesprochen, der letzte Ton der Begleitmusik verklungen ist, bleiben die Szenen im Gedächtnis, werden sie immer neu durchlebt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass das Stück grundsätzliche Fragen stellt, aber eben nicht beantwortet.

„Eingesperrt, den Raum nicht verlassen können – was fühlt man da?“, fragt die Pfarrerin Anne-Meike (Karin Rebmann), die auch als Erzählerin auftritt. „Angst, Wut, Traurigkeit, Panik, Hilflosigkeit?“

Henrike (Anne Grabhorn) sitzt seit 20 Jahren im Gefängnis und ist darüber alt und grau geworden. In mehreren Rückblenden erzählt das Stück, was die einst fröhliche, aber auch unselbstständige und naive junge Frau hinter Gittern gebracht hat: „Harald, du warst meine große Liebe“, haucht die alte Frau.

Und hinter ihr öffnet sich der Vorhang des alltäglichen Trotts und gibt in schlaglichtartigen Szenen den Blick frei auf einen Lebenstraum, der zum Albtraum wurde. Harald (Klaus Janssen) erweist sich bald als Tyrann, der nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist. Henrike (Anneliese Kling) ist auf einen Mann hereingefallen, der nicht lieben kann, nicht einmal sein eigenes Kind. Er wollte es von Anfang an nicht, sah aber die Verhütung als Aufgabe der Frau an: „Wenn ich will, machst du die Beine breit.“

Als er das Weinen des Kindes mit Gewalt beenden will, greift Henrike zum Küchenesser und sticht zu. Jetzt ist ihre Tochter 20, sie hat nie wieder etwas von ihr gehört.

„Aufgewachsen in Gewalt – schutzlos, ungeliebt, keine Hand, die deine hält“, sagt die Pfarrerin in einem Monolog. Das gilt auch für Thete Blömer (Meike Peschke), den Neuzugang im Knast. Sie hätte es schaffen können, mit Abi und allem. Aber ihr Vater lief weg, die Mutter trank, und sie musste sich schon mit 14 um ihre drei Geschwister kümmern. Es ist ausgerechnet Freddy (Dittmar Sprekelmann), Sozialpädagoge im Knast und Gutmensch, der sie anzeigt, als sie bei ihm stiehlt. „Du bist schuld“, sagt sie ihm.

Neu im Gefängnis

Verzweifelt kommt sie im Gefängnis an und nimmt die Zuschauer mit in dieses gestreifte Leben. Sie muss ihre Kleidung abgeben, eine Leibesvisitation über sich ergehen lassen und sich schließlich in der Hackordnung auf dem Gefängnishof behaupten. Jetzt ist Thete „lebenslänglich abgestempelt“, wie die Seelsorgerin sagt, auch wenn sie nur acht Monate absitzen muss.

Auch das Gefängnispersonal wird individuell gezeichnet. Vom Kommisskopf über den hilfsbereiten Mitarbeiter bis zur überlasteten Seelsorgerin ist alles dabei. Und über allem liegt das tägliche Einerlei des Gefängnisalltags.

Die Zuschauer reagierten ergriffen, aber nicht bedrückt. Sie erhoben sich von den Plätzen und applaudierten Stück und schauspielerischen Leistungen lang anhaltend und begeistert.

Henning Bielefeld
Henning Bielefeld Redaktion Nordenham (Stv. Leitung), Redaktion Stadland
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