Bremen - „Cosi fan tutte“ zählt zu den Goldreserven der Bühnen. Seit Jahrzehnten rangiert Mozarts hintergründigste Oper unter den zehn häufigsten Produktionen. Bremen hat den Barren hervorgeholt und poliert, Oldenburg wird in der nächsten Spielzeit das Gold auf seinen Wertbestand prüfen. Mit der Inszenierung von Laurent Chétouane stellen sich die Bremer einen wirklichen Schatz ins Theater am Goetheplatz.
Frivole Zündeleien
Der Franzose entwirft ein Dramma giocoso auf der sicheren Seite – aber nicht, weil seine Bremer Inszenierung Szeneschocks ausklammert. Eher führen seine schlichten Mittel zu Klarheit und Schlüssigkeit. Gerade das lässt die Schieflagen der Gefühle und die menschlichen Stürze in diesem nur vordergründig komischen Verwechslungsspiel so unheimlich wirken.
Zwei Paare gehen nach einer Wette auf und gegen die Treue im Strudel von Begehren, Verlustängsten, frivolen Zündeleien und Zerrissenheit unter. Ein Reaktor voller Gefühlsbrennstäbe.
Äußerlich führt Chétouane so die Figuren dicht auf Galerien und Podesten um das erhoben vor der Bühne sitzende Orchester herum. Die Bühne braucht er fast nur, um gegen die betonte und bedrückende Nähe ab und an Weite zu schaffen. Windmaschinen blasen von dort je nach der Gemütslage. Innerlich treffen die Sänger und die unter Clemens Heil höchst inspiriert spielenden Bremer Philharmoniker voll in den Kern der Musik. Schon mit dem knackigen Eingangsakkord zeigt der befeuernde Kapellmeister, wie viele Farben und Kontraste er sich vorstellt.
In der Balance
Die Musiker halten diesen Mozart fein in der Balance zwischen einem leichten Achtel- und Sechzehntel-Gewebe und lodernder Emotionalität, trennscharf, aber voller Charme. Unter elektrisierender Hochspannung halten sie die Generalpausen – frei liegen gerade in diesen Momenten die verwirrten Herzen.
Sechs vorzügliche Mozart-Sänger charakterisieren ihre Rollen persönlich differenziert, finden und entfernen sich ironisierend in den Ensembles: Nadine Lehner (Fiordiligi) mit genau der Mischung aus Leichtigkeit und Gewicht in ihrem Sopran und enormer Festigkeit in den irrwitzigen Sprüngen der Felsen-Arie.
Ulrike Mayer (Dorabella) mit einem Mezzo von dunkler Intensität. Geschmeidig und höhensicher Tenor und Bariton von Luis Olivares Sandoval (Ferrando) und Martin Kronthaler (Guglielmo). Die „Drahtzieher“ Marysol Schalit (Despina) und Christoph Heinrich (Don Alfonso) changieren trefflich zwischen vorgegebener überlegener Kühle und Anteilnahme.
Nach dreieinhalb Stunden sind die Illusionen geschreddert. Immerhin sind alle nun hinlänglich ernüchternd über sich selbst aufgeklärt. Also: Das Leben wird weitergehen.
