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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Gefühlssturm und Gefühlsflaute

21.03.2016

Oldenburg Vielleicht verzehrt der Ex gerade Weinbergschnecken. Vielleicht genießt er Grünkohl. Vielleicht tätschelt er unter dem Tisch im Restaurant das Knie seiner Neuen. Man kann sich alles vorstellen, denn er tritt nicht auf. Er sitzt am anderen Ende der Telefonleitung, über die ihm seine Ex, genervt durch technische Unterbrechungen, eine große melodramatische Szene macht. Der Seelenritt ändert nichts am Zustand: Die Liebe ist aus.

„La voix humaine“ des Franzosen Francis Poulenc hat viel von Franz Schuberts „Winterreise“. Wenn der berühmteste aller Liederzyklen beginnt, ist schon alles zu Ende. Doch sich das einzugestehen, braucht noch viel Zeit.

Aufwühlende Affekte

Das gilt auch für den zweiten Einakter an diesem höchst gelungenen Premierenabend im Kleinen Haus in Oldenburg, Leonard Bernsteins „Trouble in Tahiti“. Dem Romantiker Schubert fallen auf dem Weg zum Ende 23 weitere Lieder ein. Poulenc (1959) und Bernstein (1952) breiten die brodelnden oder erkalteten Gefühle in jeweils 45 Minuten aus.

Regisseurin Julia Wissert stellt beide Werke vordergründig in einfacher Direktheit auf die Bühne. Hintergründig aber entwickelt sie viele Facetten zwischen Zuspitzung und ruhigem Fluss: große und kleine Gefühle im kleinen und doch großen Format.

Wenn Oper als geronnenes Menschenleid gilt, dann ist die Sopranistin Nina Bernsteiner eine ihrer trefflichen Protagonistinnen. Sie stülpt bei Poulenc in einem Seelensturm ihr Inneres nach außen. Aber bei allen aufwühlenden Affekten gibt sie ihre Würde nicht ganz preis. Ihre Stimme verträgt dramatische Aufwallungen ebenso wie amsel­artig abgetöntes Zirpen zur Überredung.

Musikalisch leuchtet Carlos Vazquez die Partitur weit aus. Er setzt auf die Klavierfassung des Komponisten, zeigt die Kanten der Musik, vermeidet Sentiment, dosiert das Espressivo klar. Keine äußere Dekoration lenkt von der menschlichen Stimme ab. Klavier und Pianist halten sich hinter einem Rahmen im dunstigen Hintergrund.

Bei „Trouble in Tahiti“ hat sich das Ehepaar Sam und Dinah auseinandergelebt. Am Nachmittag hat sie im Fernsehen die Schnulze „Trouble in Tahiti“ gesehen. Am Abend gehen beide in den gleichnamigen Film. Etwas Besseres haben sie nicht zu tun. Die musicalhafte Musik ist beschwingter als die Ehe.

Abgekühlte Ehe

Routine und Glätte spiegeln sich im Bühnenbild von Thurid Peine wider. Die Szene ist vollgestellt mit Schränken und Funktionsmöbeln, alle Flächen eben und viereckig, alles zweckmäßig, das meiste überflüssig. Ist der Mensch ein Produkt seiner Umwelt? Oder ist diese Umwelt ein Produkt des Menschen?

Bernsteiner kommt hier als Doris-Day-Verschnitt. Aarne Pelkonen legt den Sam als Möchtegern-Macho an. Eigentlich versteht er gar nicht die gutbürgerliche Tragik in dieser abgekühlten Ehe. Sein Bariton erweist sich als beweglich, in der Vollhöhe noch etwas gepresst, aber in der Tongebung sauber. Die Szene belebt ein Mini-Chor mit Carolina Walker, Maciej Bittner und Kim-David Hammann von der Hochschule Osnabrück, begleitet von vier Bläsern, Schlagwerk und Kontrabass. Das deckt manchmal etwas die Sänger zu, hat aber viel Pep.

Sam und Dinah turnen recht sportlich auf den Kästen herum. Das geht gut auf die Gelenke. Vielleicht sollten auch sie sich die Knie tätscheln, gegenseitig. Es könnte sogar die Ehe wieder gelenkiger machen.


Alle NWZ -Theaterkritiken unter   www.nwzonline.de/premieren 

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