• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Kultur

Gerichtsdrama „terror“ In Oldenburg: Ist dieser Pilot ein Mörder oder Held?

21.12.2017
Frage: Haben Sie schon mal in Ihrem Regisseur-Leben ein Theaterstück inszeniert, das wie „Terror“ zwei Varianten des Schlusses anbietet: Mal ist der angeklagte Bundeswehrpilot schuldig, eine Lufthansa-Maschine abgeschossen zu haben, mal ist er der Held, der durch den Abschuss einen Terroranschlag verhindert hat?

Hailer: Nein, so etwas ist mir noch nicht untergekommen. Das ist schon einmalig. Aber irgendwie ist das ur-theatral, dass die Zuschauer wie Laienrichter darüber abstimmen dürfen, wie ein Stück ausgeht. Es ist ein genialer Trick, eine Handlung zu öffnen – da muss man erst einmal drauf kommen. Der Autor Ferdinand von Schirach ist drauf gekommen.

Frage: Ist das für die Oldenburger Schauspieler sehr stressig?

Hailer: Ich glaube, sie nehmen das eher sportlich. Besonders der Richter muss ja beide Varianten parat haben – schuldig und unschuldig. Die Faszination, die mit den beiden Varianten (und damit Schlüssen) im Raum ist, ist das Salz in der Suppe des Stücks.

Inszenierte in Oldenburg: Peter Hailer (61) BILD: Archiv

32 Vorstellungen mit 13 621 Zuschauern im Oldenburgischen Staatstheater

Zum Stück von Ferdinand von Schirach (53): Ein Terrorist kapert eine Lufthansa-Passagiermaschine und will sie in ein randvoll besetztes Münchner Stadion lenken, um 70 000 Menschen zu töten. Ein Kampfpilot der Bundeswehr, mit seiner Maschine in Wittmund aufgestiegen, schießt den Jet ab – gegen den ausdrücklichen Befehl seines Vorgesetzten. Nach der Landung des Eurofighters wird der Pilot festgenommen.Es kommt zum Prozess, der bildet das eigentliche Theaterstück: Ist Major Lars Koch schuldig? Die Theaterbesucher stimmen am Ende des Stücks darüber ab.

Peter Hailer (61) inszenierte das Stück in Oldenburg, Premiere war bereits im Februar 2016. Hailer ist der Oberspielleiter des Staatstheaters.

Das Staatstheater spielte bisher 32 Vorstellungen, damit kamen 13 621 Besucher in das Stück. Bis auf eine öffentliche Probe im Gericht wurde der Angeklagte in allen Aufführungen freigesprochen.

Die nächste Aufführung von „Terror“ findet am 20. Januar um 19.30 Uhr im Großen Haus des Staatstheaters statt. Karten: Telefon   0441/222 51 11

Frage: Sind Sie überrascht, dass es im Staatstheater noch in keiner Aufführung – die Zuschauer dürfen ja abstimmen – einen Schuldspruch des Piloten gab, der eine voll besetzte Passagiermaschine wegen Terrorgefahr abgeschossen hat?

Hailer: Ja, schon. Vielleicht liegt es an der gefühlt stetig wachsenden Bedrohung? Allerdings muss ich sagen, dass es einmal bei einer Testaufführung im Oberlandesgericht einen Schuldspruch gab, da saßen natürlich viele Juristen im Publikum. Die Freisprüche sind sonst deutlich.

Frage: Wie stimmen Sie selbst eigentlich ab – ist der Pilot schuldig oder nicht schuldig?

Hailer: Ich bin nach wie vor der Meinung, dass der Pilot schuldig ist. Ich stimme im Theater auch oft mit ab. Vom Darsteller des Verteidigers ernte ich dabei immer einen vernichtenden Blick, wenn ich für schuldig stimme…

Frage: Sie haben das Gerichtsdrama auch mal vor Bundeswehrsoldaten spielen lassen. . . 

Hailer: Das war schon was Besonderes, wie die da alle in Ausgehuniform saßen! Der Puls ging bei uns höher, weil wir dachten, dass vielleicht irgendwo ein Recherchefehler auftaucht – aber auch da war die Begeisterung groß. Allerdings war das Abstimmungsverhalten kaum anders: Es gab etliche Zuschauer, die den Piloten verurteilen wollten, aber eben keine Mehrheit dafür.

Frage: Die Premiere war bereits im Februar 2016 im Großen Haus in Oldenburg. Sind Sie jetzt noch manchmal in den Vorstellungen?

Hailer: Ja, sogar häufig. Es kommen nach meiner Beobachtung inzwischen auch viele junge Leute, darunter Schulklassen, in die Aufführungen. Das freut mich riesig. Und: Die Konzentration des Publikums auf das Geschehen ist enorm.

Frage: Das Stück wird vom Oldenburgischen Staatstheater nun in der nächsten Saison ein weiteres Mal wieder aufgenommen…

Hailer: Das freut mich ungeheuer. Oft treffe ich Leute vorm Theater, die nach dem Großen Haus fragen – das heißt, wir bekommen teilweise Menschen ins Theater, die sonst nicht unbedingt den Weg hierher finden. „Terror“ ist eben das Stück dieser Jahre! Es ist erstaunlich, dass viele große Theater in Deutschland es nicht spielen, denn es ist inzwischen sogar in Japan angekommen. Die Faszination bleibt ja bestehen, das Drama hat nichts von seiner Aktualität verloren: Darf man ein von Terroristen gekapertes Passagierflugzeug mit 164 Menschen abschießen, um 70 000 Menschen in einem Stadion zu retten? Ist der Bundeswehrpilot ein Held oder ein Mörder? Auch politisch und juristisch ist das nach wie vor ein ungelöstes Problem.

Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
Rufen Sie mich an:
0441 9988 2060
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.