Berlin - Manche Berliner steckten ihr heimlich Lebensmittelmarken zu oder ließen unauffällig ein Stück Brot, einen Apfel in die Manteltasche der jungen Frau gleiten. Einige Mutige blinzelten ihrer mit dem Judenstern gebrandmarkten Mitbürgerin auf der Straße als Zeichen der Solidarität zu. „Die Mehrheit aber blickte mit ausdruckslosen Augen auf uns“, sagt Inge Deutschkron.
An dem Tag, als sie den gelben Judenstern abnahm, begann ihr Leben auf der Flucht. Versteckt von den „stillen Helden“ – den wenigen deutschen Nichtjuden, die den Verfolgten halfen – überlebten Inge Deutschkron und ihre Mutter die Terrorherrschaft der Nazis. Am 23. August wird sie 90 Jahre alt.
Versteckt in Berlin
„Ich feiere meinen Geburtstag immer wieder. Viele alte Leute tun das nicht“, erzählt die Schriftstellerin und Journalistin. „Ich sage immer, das ist der Tag meines Triumphes. Ich lebe, und die Banditen, die mich töten wollten, nicht.“ An ihre „stillen Helfer“ erinnert Deutschkron mit ihrem Buch „Sie blieben im Schatten“, das Ende des Monats erscheinen wird. „Sie waren Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft mit einem starken Bewusstsein für Recht und Unrecht“, so Deutschkron.
Mehr als 55 000 jüdische Berliner wurden von den Nazis in die Vernichtungslager deportiert und getötet. In einem Versteck habe sie vom Fenster aus beobachtet, wie die Menschen von der Gestapo aus den Häusern herausgeholt wurden. „Das war furchtbar. Das Schuldgefühl verlässt einen nie. Da denkt man, wie konntest du die anderen gehen lassen und du hast versucht, dich zu verstecken.“
Am 23. August 1922 in Finsterwalde geboren, wächst sie seit 1927 in Berlin auf. Als es nach der Machtübernahme der Nazis 1933 immer schwieriger für Juden wurde, Arbeit zu bekommen, findet Inge 1941 in der Blindenwerkstatt von Otto Weidt mit gefälschten Papieren eine Anstellung. „Weidt hasste die Nazis und tat alles, um seinen jüdischen Arbeitern zu helfen. Wir alle verehrten ihn und nannten ihn Papa“, sagt Deutschkron.
Ende 1942 werden die letzten Mitglieder ihrer Familie in die Konzentrationslager der Nazis deportiert. Einzig Vater Martin Deutschkron hat nach England auswandern können. Mutter und Tochter gelingt die Ausreise nicht mehr, sie müssen untertauchen. 1943 kommt dann das Angebot der Arbeiterfamilie Gumz: „Frau Deutschkron, Sie nehmen den Stern ab und kommen mit Inge zu uns. Wir verstecken Sie“, habe Frau Gumz gesagt. Es ist der Beginn einer Odyssee von Versteck zu Versteck – darunter ein ehemaliger Ziegenstall und ein Bootshaus an der Havel.
Tagelang geweint
Nach Jahren auf der Flucht und in Verstecken, nach der Nachricht von der Ermordung so vieler jüdischer Verwandter und Freunde bricht die damals 22-jährige junge Frau bei Kriegsende zusammen. „Freuen konnte ich mich nicht mehr“, schreibt sie in ihrer Autobiografie. „Wir weinten tagelang.“
1946 holt Vater Deutschkron Frau und Tochter zu sich nach England. Inge studiert Fremdsprachen und arbeitet im Büro der Sozialistischen Internationale in London. Ende der 50er Jahre wird sie Deutschland-Korrespondentin der israelischen Zeitung „Maariv“ in Bonn. 1972 zieht Deutschkron nach Tel Aviv und arbeitet bis 1987 in der „Maariv“-Redaktion. Lange Jahre pendelt die Autorin zwischen Tel Aviv und Berlin. Seit 2001 lebt sie wieder in ihrer deutschen Heimatstadt.
Als wache Mahnerin wider das Vergessen erzählt Deutschkron seit Jahrzehnten jungen Menschen ihre Lebensgeschichte.
