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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Geschichte eines Bühnenskandals

18.02.2017

Oldenburg „Politterror“, „Tendenztheater“, „geistige Selbstbefriedigung“. Publikum und Kritik reagierten empört auf „Die Gerechten“. Am 4. September 1977 hatte das Oldenburgische Staatstheater mit einer Inszenierung seines damaligen Oberspielleiters Gerhard Jelen einen Skandal ausgelöst, der bis nach Hannover reichte und zur (vorübergehenden) Absetzung des Stückes führte. Das Schauspiel von Albert Camus (1913– 1960), das unter der Intendanz (1968–1985) von Harry Niemann auf dem Spielplan stand, feiert nun zum zweiten Mal in Oldenburg Premiere.

Respekt vor Opfern

Der Inhalt ist rasch erzählt: Eine Gruppe von Sozialrevolutionären plant 1905 einen Anschlag auf den russischen Großfürsten Sergej. Der erste Anschlag auf die Kutsche des Monarchen wird abgebrochen, weil auch Frau und Kinder darin sitzen. Erst beim zweiten Versuch wird der Großfürst ermordet. Die historischen Ereignisse griff Camus 1949 auf – vor dem Hintergrund zweier Weltkriege und seines Einsatzes für die französische Résistance.

Premiere

Das Stück „Die Gerechten“ von Albert Camus hat am Sonnabend, 25. Februar, um 20 Uhr Premiere im Kleinen Haus des Staatstheaters (ausverkauft). Karten: Telefon    0441/22 25 111.

Es ist ein Ideendrama, in dem viel diskutiert wird, vor allem die Frage, ob Gewalt ein probates Mittel gegen ein Unrechtsregime sein kann, wenn dabei auch Unschuldige getötet werden könnten. Oder ob ein solcher Anschlag gerechtfertigt ist, wenn der Attentäter dafür mit seinem Leben büßt. Besondere Brisanz aber erhielt die Produktion in Oldenburg, weil einen Tag nach der Premiere Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer von RAF-Terroristen entführt und erschossen wurde.

Mitte September setzte Intendant Harry Niemann das Stück für einige Monate ab – „aus Respekt vor den Opfern“. Dass die in der Aufführung gesprochenen Texte eine „Indoktrination von eindeutig marxistischer Färbung“ seien, wie seinerzeit der Theaterkritiker dieser Zeitung geschrieben hatte, wies er aber entschieden zurück. Welche Rolle der politische Druck durch CDU-Landtags- und Bundestagsabgeordnete gespielt hat, darüber lässt sich nur spekulieren.

„Wir mussten uns sehr wehren“, erinnert sich Jelen, „auch gegen unqualifizierte Äußerungen von Leuten, die das Stück gar nicht gesehen hatten.“ Mit der Camus-Inszenierung hatte er sein „Improvisationstheater“ eingeführt, bei dem er, wie Schauspielerin Elfi Hoppe es heute formuliert, „die Regie abgab und sich in den Dienst der Gruppe stellte“. Jeder Abend sei anders verlaufen, erzählt die 73-Jährige. Zur Vorbereitung war auch schon mal eine Nacht durchgeprobt worden, wenn Gefahr bestand, „theatrig“ (Jelen) zu werden.

Griechische Tragödie

Die Inszenierung im Schloss, die am 8. Januar 1978 wieder aufgenommen wurde, begann jeweils mit einem gut halbstündigen Vorspiel, bei dem die Schauspieler verschiedene Requisiten – Symbole für Unterdrückungsmechanismen – über die Bühne trugen und dabei frei improvisierten. Währenddessen saß Regisseur Jelen unter den Zuschauern und las dazu passende Texte – „von links bis rechts“. Eine Tendenz habe es nicht gegeben, betont der 81-Jährige, der gleichwohl kämpferisch klingt: „Wenn Theater nicht mehr aufregt, kann man es ganz sein lassen.“

Auch für das aktuelle Regie-Team sollte Theater mehr sein als bloß Unterhaltung. Dramaturg Jonas Hennecke (33) hält das Stück, das den Fokus auf die Täter richtet, für „überzeitlich“. Auch wenn einem beim Stichwort „Terror“ heute IS oder NSU einfallen, und obwohl der historische Hintergrund erkennbar ist. Es handle sich um eine anonyme Gruppe, sagt Hennicke, die einen terroristischen Akt plant, einer „sektenartigen Gemeinschaft“ angehört und im Untergrund lebt. Dieser wird auch im Bühnenbild deutlich.

Improvisiert wird diesmal nicht. Daher werde die Inszenierung „kürzer, aber nicht weniger intensiv“, kündigt Hennecke an. Regisseur Hailer will es dem Publikum überlassen, Bezüge herzustellen. Aber anders als bei „Terror“ von Ferdinand von Schirach dürfen die Zuschauer nicht über Recht und Moral abstimmen.

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Regina Jerichow Stellv. Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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