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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Literatur: Geschichte von Unfällen und Zufällen

20.05.2010

Autor dieses Beitrages ist Holger Teschke. Der 51jährige Regisseur, Lyriker und Pablo-Neruda-Preisträger lebt in Boston und Berlin.

„Bevor ich einen Roman schreiben kann, muss ich den letzten Satz haben“, verriet John Irving mir vor ein paar Jahren im Gespräch in Vermont, wo ich ihn besuchte. Damals hatte er gerade einen Oscar für das Drehbuch nach seinem Roman „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ bekommen und dachte über ein neues Buch nach, von dem er aber noch nicht reden wollte: „Erst wenn ich den letzten Satz habe.“

In den Wäldern

Nun liegt mit „Letzte Nacht in Twisted River“ sein zwölfter Roman vor und wieder geht es um Liebe und Tod, Bären und Ringer, aber auch um Kochkunst und Literatur (Deutsch von Hans M. Herzog, Diogenes Verlag, Zürich, 830 Seiten, 26,90 Euro). Der 68-Jährige erzählt die Geschichte von Danny Baciagalupo und seinem Vater Dominic, die beide Mitte der fünfziger Jahre in einem Holzfällercamp in den Wäldern New Hampshires leben. Nach dem Tod seiner Frau fängt Dominic, der Koch des Camps, eine Affäre mit Indianer-Jane, der Lebensgefährtin von Constable Carl an, der im Lager brutal für Ruhe und Ordnung sorgt. Eines Nachts verwechselt der junge Danny die schwarzbehaarte Geliebte seines Vaters mit einem Bären und erschlägt sie mitten im Liebesakt.

Um dem rachsüchtigen Carl zu entkommen, fliehen Vater und Sohn ins italienische North End von Boston und, gewarnt von ihrem zurückgebliebenen Freund Ketchum, weiter bis nach Vermont und Kanada. Der Roman mäandert durch ein halbes Jahrhundert amerikanischer Geschichte und macht manchmal so überraschende Wendungen wie die Flüsse, die ihn durchziehen.

Dabei berührt er viele Orte, die auch in Irvings Leben eine wichtige Rolle gespielt haben. Danny besucht die renommierte Exeter Academy, den Iowa Writer’s Workshop, das Mount Holyoke College und die grünen Hügel von Vermont. Er wird mit Romanen über Ringer, Schriftsteller und Bären zum Bestsellerautor, während sein Vater Erfolg mit seinen Kochkünsten hat. Doch wohin die beiden auch gehen – der Schatten des Constable lässt sich nicht abschütteln.

Aber auch der alte Holzfäller Ketchum begleitet sie aus der Ferne als Stimme des anderen Amerika, dessen Werte und Träume sich zwischen den Präsidentschaften von John F. Kennedy und George W. Bush aufzulösen beginnen. Das ist eine Geschichte von Unfällen und Zufällen, von Verlusten und Versäumnissen, aber auch von Liebe und Vertrauen. Spannend wie ein Kriminalroman, episch wie eine amerikanische Saga und voll düsterem Humor.

Der letzte Satz

„Ein Wunder“ hat der San Francisco Chronicle diesen Roman genannt, und Wunderbares erlebt, wer sich auf diese Lesereise begibt. Ein Fest für Irving-Fans und ein besonderer Spaß, wenn der Leser am Ende ahnt, an welchem Roman Danny Baciagalupo arbeitet. Deshalb soll der Schluss hier nicht verraten werden. Nur der letzte Satz, der Irving im Auto einfiel, als er einen alten Song von Bob Dylan hörte: „ Er hatte das Gefühl, dass das große Abenteuer seines Lebens erst begann – so musste sich sein Vater gefühlt haben, in den Nöten und Qualen seiner letzten Nacht in Twisted River.“

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