Bremen - Mareike Koch windet sich an Bändern hoch, schwingt vor und zurück, macht einen Spagat und wirbelt in atemberaubendem Tempo um sich selbst. Im nächsten Moment hängt sie kopfüber, in fünf Metern Höhe. Nur ihr linker Fuß hält sie noch. Die 27-Jährige probt diese Posen für ihren Soloauftritt in der Eröffnungsshow „Glanzlichter“ des neuen GOP Varieté-Theaters an der Weser. Am 8. September ist Premiere. „Ich freue mich riesig, zurück in Bremen zu sein. Hier fühle ich mich zuhause“, sagte die mittlerweile in Berlin lebende Artistin während der Proben.
In Zirkusschule gelernt
In Bremen hatte alles angefangen. Als kleines Mädchen erlebt sie bei einem Festival zwei Luftakrobatinnen. „Mich hat fasziniert, dass die so viele Meter über dem Erdboden turnen.“ Daraufhin trainiert sie selbst in Zirkusschulen der Stadt. Nach dem Abitur am Alten Gymnasium in Bremen besucht sie die Staatliche Ballettschule Berlin und Schule für Artistik. Seitdem tritt die Trapezkünstlerin bei Shows, Festivals und Workshops in der Schweiz, Simbabwe, Rumänien und Australien auf, vor allem aber in Deutschland. Ein Leben aus dem Koffer.
In der Bremer Varieté-Show trägt Mareike Koch ein maßgeschneidertes weißes Kleid. Klar, dass das wegen der extremen Bewegungen aus elastischem Stoff sein muss, mit doppelten Nähten. Die Artistin schwingt sich an Strapaten ein – von der Decke hängende Bänder mit großen Schlaufen für Hände und Füße. Anfangs waren sie ein Männerrequisit, weil die Darbietungen damit extrem viel Kraft kosten. Jetzt zeigt die gepiercte Künstlerin an den Bändern selbst entwickelte Posen und Tanzelemente. In ihrem Solo geht es um den Schmerz einer verletzten Liebe: „Ich lasse mich von Musik inspirieren, in diesem Fall von der britischen Rockband Muse.“
Dem Talent-Scout Werner Buss, künstlerischer Direktor des bundesweit aktiven GOP Varieté-Theaters, war die Akrobatin schon früh aufgefallen: „Mareike ist artistisch ausgereift und als Typ auf wunderbare Weise authentisch und dabei sehr weiblich. Für mich ist sie ein verträumtes Wesen, das im nächsten Moment wieder eine wahnsinnige Energie hat.“
Bei ihren Acts bewegt sich die dunkelhaarige Luftartistin hoch über den Zuschauern, ungesichert. Eine sogenannte Longe – so etwas wie eine Leine – würde ihren fließenden Bewegungsrhythmus behindern. In der Luft muss sie sich deshalb hundertprozentig konzentrieren: „Sobald die Musik anfängt, bin ich voll da“, sagt sie und deutet auf eine Narbe. Vor fünf Jahren ist sie bei Proben vom Trapez gestürzt. Die durchtrainierte Künstlerin weiß, wie riskant ihr Beruf ist. Erst im Juli ist eine Artistin des Cirque du Soleil in Las Vegas tödlich verunglückt.
Nicht bis zur Rente
Klein, leicht, wendig – das sind Idealbedingungen für Artistinnen. „Mit 1, 72 Meter bin ich relativ groß“, sagt Mareike Koch, während sie ihre kanadischen Kolleginnen am Doppeltrapez beobachtet. An ihrem Beruf mag die Bremerin, dass sie Kontakt zu Künstlern aus aller Welt hat, vor allem aus Montreal und Kiew, wo die berühmten Artistenschulen sind. Allen Kollegen gemeinsam: Diesen Job können sie nicht bis zur Rente durchhalten. „Es gibt Leute, die hängen noch mit fast 70 in der Luft. Ich weiß, dass ich das in diesem Alter nicht mehr mache, wahrscheinlich auch nicht mehr mit 40.“ Mareike Koch will dann vielleicht einfach selbst Shows organisieren.
