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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Goethe überkommt das Grausen

21.02.2015
NWZonline.de NWZonline 2015-07-20T16:42:29Z 280 158

Niedergang Des Deutschen:
Goethe überkommt das Grausen

München Goethe auf dem Umschlag, der gefährlich die Augen verdreht, ist ein optisches Äquivalent zum Inhalt und zum offenbar erbarmungswürdigen Zustand der deutschen Sprache, wie er vom Journalisten Andreas Hock beschrieben wird. Und sein Urteil fällt vernichtend aus: „Niedergang“ ist noch die harmloseste Vokabel, die sich dafür finden lässt.

Der Journalist und Autor Andreas Hock BILD: Riva Verlag

Tag der Muttersprache

Der Internationale Tag der Muttersprache ist ein von der Unesco ausgerufener Gedenktag zur „Förderung sprachlicher und kultureller Vielfalt und Mehrsprachigkeit“. Er wird seit 2000 jährlich am 21. Februar begangen.

Das Buch „Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann?“ ist im Riva Verlag (München, 192 S., 14,99 Euro) erschienen. Das Vorwort schrieb Hellmuth Karasek.

Seit Jahrzehnten sei „Schindluder“ mit der deutschen Sprache betrieben worden, führt Hock in seinem aktuellen Buch aus. Wobei die Rechtschreibreform – neben Bushido und RTL2 – für ihn eine von vielen Injurien ist, die die „linguistische Verwahrlosung eines ganzen Landes“ beschleunigt habe.

Überspitzung

In all seiner Polemik, die vor keinem sprachlichen Unsinn haltmacht und mit erschreckenden Beispielen aufwartet, ist Hocks Buch „Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann?“ durchaus witzig und bei aller bewussten Überspitzung auch durchaus ernst zu nehmen. Jedenfalls eine passende Lektüre zum Tag der Muttersprache, der an diesem Sonnabend begangen wird.

Das Inhaltsverzeichnis ist zugleich eine Liste von Begründungen für den vom Autor diagnostizierten Niedergang der deutschen Sprache. Von „Weil uns schon am Anfang der Spaß verging“ (eine Abrechnung mit langweiligem Deutschunterricht) bis zu „Weil wir diese schönen Wörter nicht mehr verwendeten“ (Substantive und Adjektive, die wegen mangelnden Gebrauchs allmählich aus den Wörterbüchern zu verschwinden drohen).

Dazwischen findet sich anfangs noch viel Historisches, wie etwa die ehrgeizigen Versuche, die deutsche Sprache vor „unerfreulichen Einflüssen von außen“ zu schützen. Damit hatte sich die „Fruchtbringende Gesellschaft“ schon vor 400 Jahren hervorgetan.

Hocks geschichtlicher Rückblick zeigt auch, dass es lange vor dem inflationären Gebrauch der Anglizismen schon etwas Ähnliches gab: die Gallizismen. Ohne Worte aus dem Französischen einzustreuen habe man sich vor 300 Jahren gar nicht erst getraut, den Mund aufzumachen, schreibt Hock. Wer etwas auf sich hielt, sagte Trottoir (statt Bürgersteig) und Boutique (statt Ladengeschäft).

Doch je weiter sich der Journalist (Jahrgang 1974) der Gegenwart nähert – und ihren sprachlichen Auswüchsen –, desto bissiger werden seine Ausführungen. Wobei er seinerseits nicht zimperlich bei der Wahl seiner Worte ist. Angefangen mit dem „deutschen Behördenwahnsinn und seiner bekloppten Sprache“. Für die er schlagende Beweise liefert, wie etwa „Abstandseinhaltungserfassungsvorrichtung“ oder „Grunddienstbarkeitsbewilligungserklärung“.

„Lingualverbrechen“

Über die erste Jugendsprache als Massenphänomen in den 50er Jahren, über die Comicsprache und den „entseelten Lingualmüll“ der Politiker („einer der Hauptgründe für sinkende Wahlbeteiligungen), über „Gender-Guerilla“, „geil“, dem wohl erfolgreichsten Wort der deutschen Sprache, den „Infopoint“ der Bahn und brachiale Varianten der Sprechmusik landet er bei der Rechtschreibreform.

Für sie prägt er – letzte Steigerung seiner 190-seitigen Polemik – das Wort „Lingualverbrechen“ und beschließt das Kapitel mit einem Studienergebnis der Universität Hamburg von 2011: Demnach können nun 7,5 Millionen Menschen in Deutschland nicht richtig lesen und schreiben – „drei Millionen mehr als vor der Reform“.

Kein Wunder, dass Goethe die Augen verdreht.