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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Götterdämmerung für Europa

21.11.2016

Wilhelmshaven Gülden schimmert das Kirchenschiff. Ist es wohlverdientes Gold? Das Tor zum goldenen Westen? Weit gefehlt. Wärmedecken, aus denen sich entkleidete Menschen schälen, verhüllen den Boden – im Hintergrund leuchtet ein Kreuz. Mit diesem Bühnenbild verortet Gunna Meyer das Theaterstück „Die Schutzbefohlenen“, das am Samstagabend im Stadttheater Wilhelmshaven Premiere feierte, zurück an den Schauplatz Wiener Votivkirche.

Deren Besetzung durch Flüchtlinge und die Ertrunkenen von Lampedusa waren Anlass für Elfriede Jelineks Textvorlage, die in Anlehnung an Aischylos’ Tragödie entstanden ist. Der durchgängig chorische Charakter lässt das allgegenwärtige Elend der Flüchtlinge zeitlos erscheinen.

Anklagende Texte

Diese Vortragsform verstärkt die Bedeutung der eindringlichen Texte und sensibilisiert für facettenreiche Botschaften der Schauspieler. Wie aus einem Guss geschmiedet, formieren sich die Akteure mal als Masse, mal individuell. Sprache und Körperlichkeit werden eins, bewegen sich im Rhythmus anklagender Endlostexte. „Wieso sind sie hier auch zornig auf uns?“ und „bitte, welcher Gott wohnt denn hier?“

Textströme fluten die Komfortzone des Abendlandes. Antworten bleiben aus – verzweifelte Suche nach Halt; eine Taube wird angebetet. Was bleibt einem auch anderes übrig, wenn die Menschenwürde in Gestalt eines Horrorclowns durch das Kirchenschiff torkelt? Ein Kunstgriff, der beherrscht werden will. Und das können Aida-Ira El-Eslambouly, Anna Gesewsky, Jördis Wölk, Caroline Wybranietz, Alina Müller, Zenzi Huber, Metin Turan, Orhan Müstak und Timon Ballenberger geradezu meisterlich.

Durch das kraftvolle Zusammenspiel des Klagechors gewinnt der Text der Literaturnobelpreisträgerin zusätzlich an Fahrt. Für den schauspielerischen Höchsteinsatz kann man einfach nur dankbar sein. Auch Eva Lange, die fast schon routinemäßig mit einer außergewöhnlichen Regiearbeit aufwartet, gebührt größte Anerkennung. Die offensichtliche Spielfreude der Laienschauspieler mit Fluchterfahrung zählt zu den Höhepunkten der Inszenierung.

Langer Schlussapplaus

Sieht so die europäische Wertegesellschaft aus? Vielleicht, wenn man die strengen Einwanderungsrichtlinien und die bürokratischen Hürden zugrunde legt. Allerdings gibt es Ausnahmen, sogenannte Blitzeinbürgerungen für Prominente, die „Stimme“ haben oder einen berühmten Vater. In großer Robe fegt die Netrebko (raumfüllend Jördis Wölk) über die Bühne, singt alles an die Wand.

Für Europa heißt es dagegen „Götterdämmerung“. Wagners Trauermarsch begleitet die Abgehalfterte, und Caroline Wybranietz verleiht ihr die nötige Gebrechlichkeit. Gesanglich setzt Zenzi Huber mit Dinah Washingtons melancholischer Hymne „This Bitter Earth“ einen beeindruckenden Schlussakkord.

Was bleibt, ist die Scham über das Schweigen der aufnehmenden oder ablehnenden Gesellschaft, das Versagen der westlichen Welt. Nach über zweistündiger fordernder Spielzeit demonstrieren alle „Bühnenarbeiter“ im minutenlangen Schlussapplaus, wie Menschlichkeit aussehen könnte: Hand in Hand, in respektvoller Annäherung, die verdiente Anerkennung entgegennehmend.


Alle NWZ -Theaterkritiken unter   www.nwzonline.de/premieren 

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