GöTTINGEN - GÖTTINGEN - „Bei mir“, sagte er einmal, „liegt das Herz dem Kopf um einen Schuh näher.“ Auf Grund einer Krankheit in Kinderjahren war er lebenslang klein und missgestaltet. Das hinderte ihn nicht, einer der geistreichsten Männer seiner Zeit zu sein.

Geschätzt wurde er als Naturwissenschaftler, Philosoph und Aphoristiker. Lichtenberg stammte aus Darmstadt und war in Göttingen Professor für Physik, Astronomie und Mathematik. Ganz Europa schätzte ihn. Seine Studenten unterwies er immer von vorne, seinen Rücken sollten sie nicht sehen wegen seines Buckels. „Ein Kobold mit einer Blendlaterne“, scherzte Tucholsky später respektvoll.

Wenig weiß man bis heute über Lichtenberg, manches bleibt Vermutung. Eine 17-Jährige wollte er heiraten – aber sie stirbt ihm. Später heiratet er seine Köchin, von der er bereits drei Kinder hat.

Große, in sich abgeschlossene Werke hat er kaum verfasst – zwar geplant, aber nicht vollendet. Was bleibt, sind vor allem seine Aphorismen. Die wollte er eigentlich gar nicht veröffentlichen, die Sentenzen und Glossen, die Gedankensplitter, die Aperçus, die er notierte – eine „Milchstraße von Einfällen“.

„Vermischte Einfälle, verdaute und unverdaute Begebenheiten“ sammelte Lichtenberg 33 Jahre lang in kleinen, selbst genähten Heften. Diese Notizbücher nannte er „Schmier-“ oder „Sudelbücher“. Auch Jahrzehnte nach seinem Tod war daraus kaum etwas veröffentlicht.

Erst der Germanist Albert Leitzmann sichtete Anfang des 20. Jahrhunderts die Handschrift und gab eine chronologische Ausgabe in der ursprünglichen Schreibweise heraus. Erst da erkannte man die Bedeutung Lichtenbergs richtig. Dabei hatte schon Goethe gewusst: „Wo er einen Spaß macht, liegt ein Problem verborgen“. Und Thomas Mann ahnte: „Lichtenberg ist der heimliche Klassiker der deutschen Literatur“.

Lichtenberg sieht die Welt realistisch – also ziemlich negativ. Er ist ein Feind von Vorurteilen und ein Freund der genauen Beobachtung. Er liefert keine große Philosophie. Das ist vielleicht das Schöne. „Lichtenberg lesen, dessen Prosa kühlt“, hat Günter Grass einmal gesagt.

Bis heute ist der Außenseiter verblüffend aktuell, oft radikal und meist ironisch zu genießen. Verdienstvoll ist die neue Ausgabe der Lichtenberg-Aphorismen in der berühmten Leitzmann-Edition: alle ursprünglich fünf Bände in einem, über 1000 Seiten unter acht Euro. Lichtenberg hätte seine Freude daran.

Georg Christoph Lichtenberg: „Die Aphorismen-Bücher“, Verlag Zweitausendeins, Frankfurt/Main, 1056 Seiten, 7,99 Euro.