Oldenburg - Wenn etwas Tradition hat beim Oldenburger Filmfest, dann dies: Wird‘s draußen dunkel, geht’s drinnen richtig los. Die Nächte werden zum Tag, oft dank zahlloser Partys. Immer öfter aber auch, weil selbst zu später Stunde noch Filme laufen, gern nach 0 Uhr und meist etwas für nachtaktive Gänsehäute. Wenn’s dunkel wird, schlägt die Zeit der Reihe „Midnite Xpress“.

Natürlich ist diese Reihe voller ungemütlicher Momente, wundersamer Wendungen und furchteinflößender Bilder etwas von Spezialisten für Liebhaber. Aber auch für Nischen wie Horror und Psychothriller steht das unabhängige Kino in aller Welt – und mithin auch das Oldenburger Filmfest. Fünf internationale Produktionen stehen diesmal auf dem Programm.

Gleich eins vorweg: Genrefans sollten „Polednice“ nicht verpassen, dieser tschechische Festivalbeitrag verdient alle Aufmerksamkeit des geneigten Publikums. Denn „Polednice“ (übersetzt „Mittagshexe“) entfaltet seinen Grusel, seine immer stärker werdende Spannung und seine Schockelemente ganz genre-untypisch in hellster Sommersonne.

Der Film von Regisseur Jiri Sadek nimmt sich ein tschechisches Kindermärchen von 1853 zum Vorbild, um die Konflikte einer jungen Mutter (Aňna Geislerová) mit ihrer Tochter (Karolina Lipowska) zu schildern. Die beiden sind aufs Land gezogen, wo die Mutter hofft, ihrer Tochter nicht mit dem Selbstmord des Vaters konfrontieren zu müssen. Die Geheimnistuerei aber weckt die „Mittagshexe“, die das Dorf einst heimsuchte, zu neuem Leben. Denn nicht nur der Sage nach holt sie sich ein Kind und gibt es niemals zurück.

Der folkloristische Grusel in „Polednice“, der in fetten Farbtönen (vorwiegend Sommergelb) schwelgt, dürfte vom Publikum geliebt werden – „We are the Flesh“ wird es hochgradig polarisieren. Der Debütfilm des Mexikaners Emiliano Rocha Minter ist in jeder Hinsicht extrem. Hier geht es um Brutalität pur, um einen Strudel aus Kannibalismus, Gewalt und Inzest. In diesen hineingezogen werden die Geschwister (Maria Evoli und Diego Gamaliel), als sie die Wohnung eines alten Mannes (Noé Hernández) entdecken, der sein Heim zu einer Art überdimensionalen Mutterleib umbaut. Fasziniert (verhext?) von dem Mann und seinen Forderungen verlieren sich die Jugendlichen in einen vielschichtigen Trip, der die Gewalt des heutigen Mexikos in schockierenden Bildmontagen visualisieren soll.

Dann vielleicht doch lieber etwas mit Katzen? So niedlich die kleinen Stubentiger auch sein mögen – wenn sie bei dem Hundefriseur und ständigen Verlierer Mike (Michael Pinkney) nach Ratten jagen sollen, kann schnell alles entsetzlich schief laufen. Denn als Mike seine Traumfrau Cora (großartig: Sonja Kinski) erstmals ins Bett bekommt, erleidet die einen allergischen Schock. Katzenhaare sind schlecht für die Beziehung: Das mag sich lustig anhören, doch der Film „She’s allergic to Cats“ ist alles andere als nur lustig. Einen dramatischen Liebes-Horrorfilm hat der amerikanische Regisseur Michael Reich vielmehr inszeniert, ein ebenso sehr ungewöhnliches wie sehr unterhaltsames Projekt. Bei Reich hört der Spaß dort auf, wo das Dämonische im Auge des Katers glitzert.

Die laufende Nummer vier des „Midnite Xpress“ kommt aus dem Iran, trägt den Titel „Under the Shadow“ und war Tagesgespräch beim „Sundance“-Filmfestival in den USA. Der Horrorthriller von Babak Anvari zeigt, wie der reale Terror im Persien der 1980er Jahre und übersinnliche Kräfte das Leben einer Mutter (Narges Rashidi) und ihrer Tochter (Avin Manshadi) bedrohen.

Vervollständigt wird der Fünferpack der Mitternachtsreihe von einer weiteren Hexe: In „Love Witch“ beschäftigt sich US-Regisseurin Anna Biller in herrlich stilisierten Bildern und grandioser 60er-Jahre-Popart-Kulisse mit dem weiblichen Wesen, das dem Mann im Grunde immer schon hexengleich war – Zaubersprüche, Magie und böse Blicke inklusive. Ein Horrorthriller (Hauptrollen Samantha Robinson und Jeffrey Vincent Parise), der schaudern lässt und lachen zugleich.

Alle Informationen rund um das Filmfest Oldenburg gibt es in unserem Spezial.