Seefeld - Edith Koschnick war 45, als ihr der Gedanke kam, dass sie etwas versäumt haben könnte. Denn im Jahr 1968 war sie 18 gewesen, und andere 18-Jährige waren damals mit Blumen im Haar nach San Francisco oder nach Indien gefahren. Edith Koschnick aber war daheim geblieben und hatte eine Ausbildung gemacht. Mit 45 holte sie das Versäumte nach und entschied sich spontan für Indien. Besser spät als gar nicht.
Inzwischen ist Edith Koschnick 63, und immer noch erzählt sie lebendig und fesselnd von damals, als sie sich den Rucksack umschnallte und einfach nach Neu Delhi flog, allein und voller Neugier. Auch die Seefelder Landfrauen waren jetzt ganz begeistert von dem Vortrag und der Vortragenden, die sich so schnell nicht ins Bockshorn jagen lässt. Rund 30 Zuhörerinnen folgten im Dorfgemeinschaftshaus den Erzählungen der früheren Physiotherapeutin, die ihre Praxis in Ovelgönne betrieb.
Nein sagen lernen
Aber ein Greenhorn war sie schon. Und deshalb fiel sie auch auf den aufdringlichen Taxifahrer herein, der sie zu einem Büro mit Manager chauffierte. Der schwatzte ihr ein Hotelzimmer, ein Taxi und zwei Begleiter auf. Die Züge seien voll und die Busse auch. Und bald wusste Edith Koschnick: „In Indien muss man nein sagen lernen, sonst geht man pleite.“
Aber zunächst ging sie ins Hotel. Doch in ihrem Einzelzimmer war sie nicht allein: Hinter dem Vorhang lebte eine Rattenfamilie, und an der Wand hing ein Gecko. Aber wer wirklich müde ist, kann auch schlafen.
Schon am nächsten Tag ging für Edith Koschnick der Schnellkursus in indischer Kultur weiter. Ihre beiden Begleiter hielten Händchen, aber homosexuell waren sie nicht. Schon das Wort war ihnen unbekannt. Bald fiel der Reisenden auf, dass sich viele Männer händchenhaltend in der Öffentlichkeit zeigen. Sie finden einander nur sympathisch, und wenn sie Händchen halten, findet das keiner verfänglich.
Erstaunlich fand Edith Koschnick, dass Erwachsene häufig lächelnd mit dem Kopf wackeln. Das ist eine Art Fatalismus, fand sie heraus: Sie nehmen das Leben, wie es gerade kommt.
Gewöhnungsbedürftig war für sie, dass Fremde ihr viel näher kamen als daheim. Doch das war keine Aufdringlichkeit, sondern so üblich. Bald fiel ihr auf, dass Fremde Paaren nicht so nahe kamen. Dennoch war sie froh, allein zu reisen, denn ohne Begleitung kam sie viel stärker in Kontakt mit den Indern – und hatte auch niemanden, der sie in ihren Vorurteilen hätte bestärken können.
Keine Katastrophe
Denn in Indien ist fast alles anders. Eine Behinderung zum Beispiel muss keineswegs eine Katastrophe sein, oft ist sie ein Geschäftsmodell. Eine Mensch stellt seine Behinderung aus und bettelt um ein paar Rupien. Und viele Dienstleistungen bieten Menschen nur an, weil sie sonst ihre Familien nicht ernähren könnten. So verlor Edith Koschnick bald ihre Scheu davor, sich von Trägern transportieren zu lassen.
Und selbst die Witwenverbrennung hat soziale Ursachen. Eine Frau, deren Mann verstorben ist und die selbst nichts zu ihrem Lebensunterhalt beitragen kann, lässt sich bei der Einäscherung mit verbrennen. Damit entlastet sie ihre Nachkommen.
