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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Ein Leben im Paradies der Erinnerung

17.08.2019

Hamburg Darf man heute noch das alte und schöne, so aussagekräftige und doch irgendwie längst nostalgische Wort Heimat auf einen Bestsellerautor beziehen? Ja, natürlich darf man das. Und dieser Autor ist sogar ein Heimatschriftsteller im allerbesten Sinne des Wortes. Indes: Er gehört auch zu jenen, die ihre Heimat gründlich verloren haben. Seine großen Themen sind daher Flucht und Vertreibung aus den deutschen Ostgebieten und speziell aus Ostpreußen.

Eltern umgekommen

Der Schriftsteller kennt das Thema leider viel zu gut. Arno Surminski wurde vor 85 Jahren am 20. August 1934 im ostpreußischen Jäglack als Sohn eines Schneidermeisters geboren. Seine Eltern wurden am Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 durch die Rote Armee in die Tiefen der Sowjetunion deportiert.

Zum Autor

Arno Surminski wurde am 20. August 1934 in Jäglack/Ostpreußen geboren. Er wuchs als Flüchtlingskind in Schleswig-Holstein auf. Bekannt wurde er durch Erzählungen und Romane, die sich meist mit dem Schicksal der Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten befassen. Zu seinen bekanntesten Büchern gehören „Jokehnen“, „Kudenow“, „Sommer 44 oder Wie lange fährt man von Deutschland nach Ostpreußen?“ und „Die Kinder von Moorhusen“. Surminski lebt heute mit seiner Familie in Hamburg.

Zuletzt erschien von Surminski im März 2019 der Roman „Der lange Weg. Von der Memel zur Moskwa“ (Verlag Langen-Müller, 380 Seiten, 24 Euro). Surminski erzählt in dem Buch vom Schicksal des einfachen Soldaten Martin Millbacher, der mit Napoleon 1812 in den Krieg zieht. Er erlebt grausige Schlachten und erfährt, wie Menschen zu Raubtieren werden. Von über 600 000 Soldaten, schätzt man heute, kehrten nur 30 000 zurück.

Der Junge blieb allein in Ostpreußen zurück. Er wurde zu einer Art Wolfskind. Später hat er erzählt, dass ihm die Vertreibung praktisch das Leben rettete. Er wäre sonst im kriegsverwüsteten Ostpreußen verhungert.

Die Todesdaten seiner Eltern erfuhr Surminski erst im Jahr 2000 durch den Suchdienst des Roten Kreuzes. 1947 nahm eine Familie mit sechs Kindern in Schleswig-Holstein schließlich den Jungen auf. Er machte eine Lehre im Rechtsanwaltsbüro und hackte zwei Jahre lang Holz in den Wäldern Kanadas. Seit den 1960er Jahren arbeitete Surminski dann als Angestellter in der Rechtsabteilung einer Hamburger Versicherung. Seit 1972 lebt er als freier Schriftsteller und bekennender HSV-Fan in der Hansestadt.

Surminski entwirft in seinen zahlreichen Romanen und Erzählungen die Erinnerung an eine auf den ersten Blick idyllische Vorkriegswelt. Da gibt es putzige Gänse, die die Radfahrer auf dem Dorf attackieren. Da isst man noch handbreit dicken Speck, ohne an Cholesterinwerte zu denken. Aber niemals lässt Surminski diese Welt in Kitsch oder Heimattümelei versinken, indes am Ende naturgemäß in Schutt und Asche. Sein Stil ist realistisch, fast unterkühlt. Er erzählt Geschichte in Lebensgeschichten kleiner Leute.

In Notunterkünften

Seine Schilderungen sind farbig, humorvoll und mitreißend. Da gibt es etwa die Geschichte des Hermann Steputat im Roman „Jokehnen“, die Geschichte eines Jungen, der viel mit seinem Autor gemeinsam hat. Verfilmt wurde „Jokehnen“ mit keinem Geringeren als Armin Mueller-Stahl in der Hauptrolle. Der Roman „Kudenow“ erzählt von der Ankunft der Flüchtlinge im Westen. Wie ein Junge als Heimatvertriebener mit seiner Familie im Hühnerstall eines Bauern haust, verflucht von den Einheimischen, umgeben von vielen jammernden Flüchtlingen, die in Notunterkünften und Nissenhütten tatsächlich glauben, sie könnten doch in den nächsten Monaten wieder nach Ostpreußen zurück. Was, wie wir heute wissen, ja ein Irrtum war.

Flucht und Vertreibung liegen inzwischen viele Jahrzehnte zurück. Von dem deutschen Königsberg werden künftige Generationen erzählen, als wären es die Ruinen von Karthago. Die alte, glückliche Welt der Kindertage lebt nur noch in den Köpfen oder in der Literatur, und dafür sorgt auf eine wunderbare Weise Arno Surminski. Er zeigt uns, dass die Erinnerung das einzige Paradies ist, aus dem wir nicht vertrieben werden können. Jedenfalls nicht gleich.

Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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