HAMBURG - Dieser Film ist eine sinnliche Verführung. Der Zuschauer schmeckt, riecht, spürt ihn, wenn etwa der Regen niederprasselt oder das Nachbarskind einen Ball immer wieder auf den Boden tippt, während George mit seinem Auto scheinbar in Zeitlupe vorbeifährt. Oder der Rauch, den ein Stricher George ins Gesicht pustet. Dazu kommt betörende Musik, die nachklingt und Bilder wie aus einem stylischen Werbefilm eines Edel-Modelabels.
Dem Designer Tom Ford ist mit seinem Regiedebüt „A Single Man“ (Kinostart am Donnerstag) ein ästhetisches Meisterwerk gelungen, dem man den Perfektionismus ankreiden mag, der aber vor allem eines tut: betören – auch dank eines großartigen Colin Firth und einer wundervollen Julianne Moore.
George Falconer (Firth) ist Literaturprofessor im Kalifornien der 1960er Jahre. Und während seine Umgebung in warmes Sonnenlicht getaucht ist und die Menschen um ihn ein unbeschwertes Leben genießen, lebt George isoliert in seiner Trauer um seinen Freund, der bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Gleichgültig geht er seiner täglichen Routine nach – in Gedanken immer wieder bei seiner großen Liebe Jim. Schließlich beschließt er, der Sinnlosigkeit seines Lebens ein Ende zu setzen und bereitet seinen Selbstmord mit gewohnter Akribie vor.
Durchgestylte Menschen
Doch dann trifft er an der Uni den jungen Studenten Kenny, der George hartnäckig in eine Unterhaltung verwickelt. Die beiden tauschen tiefe Blicke aus, die Regisseur Ford in intensiven Detaileinstellungen in Szene setzt. Das Angebot, noch etwas trinken zu gehen, schlägt George aus, ebenso das eindeutige Angebot eines jungen Schönlings namens Carlos. Doch die Lebensgeister des tieftraurigen Professors scheinen ganz zart wieder geweckt zu sein. Den Abend verbringt er mit seiner engsten Vertrauten Charley (Moore), mit der er vor Jahren in London zusammen war. Die beiden lachen, tanzen und streiten, bis sich George aus der Umarmung Charleys befreit, um sich Zuhause zu erschießen. Doch dann läuft ihm Kenny über den Weg.
Der ehemalige Gucci-Designer Ford hat mit der Verfilmung von Christopher Isherwoods „Der Einzelgänger“ (1964), der als schwuler Schlüsselroman gilt, ein bewegendes Drama über die Einsamkeit und Verlorenheit geschaffen. Die Stilisierung und glatte Oberfläche der durchgestylten Menschen und Bilder in diesem Porträt über einen einzigen Tag im Leben des verzweifelten George unterstreichen gerade diese Verlassenheit.
Colin Firth spielt die Figur des nach außen völlig unbeteiligten und emotionslosen George geradezu brillant. Mit minimalen Mitteln gibt er der Figur die Tiefe, die den Zuschauer so bewegt. Dafür wurde Firth von der Britischen Akademie für Film- und Fernsehkünste (Bafta) als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet und war für den Oscar nominiert. Ebenso überzeugend ist Julianne Moore als Charley, die bei perfekter Fassade ebenso verzweifelt und einsam ist wie George.
Wie das Leben spielt
„A Single Man“ ist nicht nur eine stilistische Glanzleistung mit vielen schönen Bildern und noch schöneren Menschen, sondern eine Reflexion über die Zerrissenheit vieler Menschen und über die völlige Verzweiflung trotz Wohlstands und beruflichen Erfolgs.
Einzige Enttäuschung: Das Ende, das den Zuschauer noch trauriger und frustrierter zurücklässt – ganz nach Isherwoods Romanvorlage und ganz so, wie das Leben mitunter spielt.
