Hamburg - Das Bild in der Illustrierten zeigt einen großgewachsenen Mann, blond, kräftig, selbstbewusst – als Kontrast kleinwüchsige Gestalten, grimassierend, devot: Für Leser des Illustrierten Beobachters des Jahres 1939 war die Botschaft klar. Der Blonde entspricht dem Typ des Ariers, der Kleinwüchsige kann nur ein Jude sein, für den kein Platz in der Gesellschaft ist. Das Mittel des Kontrasts ist eine bestimmende Darstellungsform der NS-Bildpresse. Darüber hat die Historikerin Harriet Scharnberg ein gründliches wie lesenswertes Buch geschrieben, das den Antisemitismus in der Illustriertenpresse der Nazi-Zeit zum Thema hat („Die ,Judenfrage‘ im Bild. Der Antisemitismus in nationalsozialistischen Fotoreportagen“). Scharnberg arbeitet heraus, wie während des Nationalsozialismus Bildinhalte die Wahrnehmung beeinflussen und die Nazi-Ideologie perpetuieren. Dass die Illustrierten der Nazi-Zeit eine gewaltige Auflage und damit Wirkung hatten, ist heutzutage kaum bekannt.
Allein die Berliner Illustrierte Zeitung (gehörte zum Parteiverlag Franz Eher, der einen Marktanteil von 82 Prozent hatte) hatte vor dem Krieg 1,5 Millionen Auflage, während des Kriegs steigerte sie ihre Auflage auf drei Millionen pro Woche, was 18 bis 21 Millionen Lesern entsprochen haben könnte. „Die Bedeutung der Wochenillustrierten wird unterschätzt“, schreibt Scharnberg. Die Illustrierten waren bei Frauen wie Männern beliebt, aber überwiegend bei einem städtischen und jüngeren Publikum.
Das schon erwähnte Mittel der Kontrastierung in der Darstellung von Juden in der Bildpresse bewirkte, dass die Leser die Gegenbilder ergänzten, wenn diese gar nicht mitgeliefert wurden (etwa wenn nur der blonde Hüne gezeigt wurde). Das Mittel Wir-Sie war auch eine Darstellungsform im Film (etwa in den Propagandafilmen „Die Rothschilds“ und „Jud Süß“ oder dem Pseudodokumentarfilm „Der ewige Jude“). Übrigens gab es eine, um ein modernes Medienwort zu nehmen, crossmediale Strategie bei der Aufführung der antisemitischen Spielfilme wie „Die Rothschilds“: Parallel zum Film gab es Bildreportagen in Illustrierten über das angebliche Leben im Ghetto. Jetzt war es auf einmal nicht mehr der Ort der unhygienischen Zustände, das Ghetto war (1940) zur Zwischenlösung der Judenfrage geworden: und die Lösung bestand in ihrer Vertreibung. Ein gern genutztes Stereotyp der Bildpresse war etwa „polnischer Dreck“ gegen „deutsche Ordnung“. Bei den schon erwähnten Körperdarstellungen war es aufrecht/gebückt.
Die Autorin ist Expertin für historische Fotografien. Aufsehen hat ihre Arbeit erregt, wie weit sich die Bild-Nachrichtenagentur Associated Press auf die Nazis einließ. Für das Buch „Die ,Judenfrage‘ im Bild“ hat sie Zehntausende von Fotos gesichtet und – wo möglich – mit dem Rohmaterial der Kriegsberichter verglichen. Eine mühselige wie erkenntnisreiche Arbeit.◘
