Navigation überspringen
nordwest-zeitung
Abo-Angebote ePaper Newsletter App Prospekte Jobs Immo Trauer Shop

Geschichte Über das falsche Gedenken

Arno Surminski

HAMBURG - Als im Osten die Welt unterging, hatte der Schrecken viele Namen. Es begann mit der Flucht im Winter, den Toten im Straßengraben, den verlassenen Kinderwagen in Tannenschonungen, den Schiffskatastrophen an den östlichen Küsten. Schließlich die Orgie der Vergewaltigungen, und dann, als die Überlebenden hofften, das Schlimmste sei vorüber, die Deportationen von Zivilpersonen in die Sowjetunion.

Das Leben gerettet

Monate nach dem Krieg begann das, was mit dem Wort Vertreibung dann Eingang in die Geschichtsbücher gefunden hat, die Deportation der Deutschen, nun nicht nach Osten, sondern westwärts, zu dem, was von Deutschland übriggeblieben war. Als Zehnjähriger habe ich diese Schrecken persönlich erlebt; nach meiner Erinnerung war die Vertreibung die erträglichste aller Heimsuchungen. Wir wurden aus einem verwüsteten Land vertrieben, in dem es keine Ordnung gab und man eigentlich nicht mehr leben konnte. Viele empfanden die Vertreibung als eine nachgeholte Flucht und erwarteten im „Reich“ eine Verbesserung ihrer Lebensumstände.

In Güterzug gesetzt

Die Überlebenden von Königsberg waren erleichtert, als sie im Jahr 1948 endlich in Güterwagen geladen wurden, um die verwüstete, von Hungerepidemien heimgesuchte Stadt in Richtung Westen verlassen zu dürfen. Was meine Person betrifft: Ich habe Zweifel, ob ich den Winter 1945/46 überlebt hätte, wenn mich nicht die polnische Miliz im Dezember 1945 zusammen mit den übrigen Deutschen unseres Dorfes in einen Güterzug nach Deutschland gesetzt hätte.

Mit dieser Lebenserfahrung im eigenen Hinterkopf war ich überrascht, als ich las, dass ein „Zentrum gegen Vertreibungen“ ins Leben gerufen werden sollte. Warum nicht ein Zentrum gegen Deportationen, Massenvergewaltigungen und für die Opfer der Flucht? Ich hatte den Eindruck, dass die zahlenmäßig größere Gruppe von Kriegsopfern unzulässigerweise von dem Gedenken ausgespart werden sollte.

Darin liegt einer der Geburtsfehler dieses Projekts „Zentrum gegen Vertreibungen“, nämlich die ausschließlichen Fokussierungen auf das Vertreibungsgeschehen. Erst später wurden unter dem Druck der öffentlichen Meinung die Termini „Flucht und Vertreibung“ in den Namen aufgenommen.

Wer das Schreckensszenario des Kriegsendes im Osten Revue passieren lässt, wird erkennen, dass der Begriff „Vertreibung“ der einzige ist, in dem es um Eigentum geht. Sollte also das „Zentrum gegen Vertreibungen“ die geistigen Fundamente für Rückerstattungs- und Entschädigungsansprüche schaffen?

Als ich in den 90er Jahren mit Sportfreunden zusammensaß, erzählte ich ihnen, dass ich nach Masuren reisen werde. Einer am Tisch bat mich, einen Abstecher nach Stettin zu machen. Dort habe sein Vater ein Haus gehabt, und er hätte gern eine Fotografie davon.

Ich fuhr zu der angegebenen Straße, machte ein Foto und schenkte es meinem Freund. Polen will ja in die EU, sagte er. Da wird es Zugeständnisse wegen des Eigentums der Vertriebenen machen, vielleicht sogar Entschädigungen zahlen müssen. Ich sagte ihm, dass ich das Foto nicht gemacht hätte, wenn mir diese Absichten vorher klar gewesen wären.

Jahre später erfuhr ich, dass er je einen Abzug des Fotos, meines Fotos, an den polnischen Ministerpräsidenten und an den Bundeskanzler geschickt und in einem Begleitbrief darauf hingewiesen hatte, dass er nicht bereit sei, auf das Haus seines Vaters zu verzichten.

Der peinliche Vorgang beschäftigte mich während der Diskussion um das „Zentrum gegen Vertreibungen“. Ich wurde den Verdacht nicht los, dass die Gründer vom gleichen Geist getrieben waren wie mein Sportfreund. Auch der gewählte Name „Zentrum gegen Vertreibungen“ bestätigte die Annahme. Warum nicht ein Zentrum gegen Kriegsverbrechen im Osten?

Die deutsch-polnischen Beziehungen sind außerordentlich gut, jedenfalls auf der Ebene der sogenannten kleinen Leute. In den höheren Rängen gibt es hier und da Neigungen, mit den alten Phobien Politik zu machen. Daraus folgt, dass wir alles vermeiden müssen, was das Verhältnis stört.

Mit Katyn und Srebrenica

Natürlich sollte es Gedenkstätten für die Schrecken des 20. Jahrhunderts geben, auch für die Opfer der Vertreibung. Mann kann es aber nicht den Opfern überlassen, diese Gedenkstätten zu errichten. Sie sind befangen. Auch der nationale Ansatz führt zwangsläufig zu einer Vorwurfshaltung gegen die Täter der anderen Seite.

Solche Vorwürfe aber haben wir nach fast 70 Jahren Frieden nicht mehr nötig. Darum brauchen wir ein europäisches Zentrum gegen die Kriegsschrecken des 20. Jahrhunderts.

In dieses Zentrum gehören nebeneinander die Tafeln mit den Namen Auschwitz, Dresden, Katyn, Oradour und Srebrenica.

Themen
Artikelempfehlungen der Redaktion
Verfolgt seinen Plan: Oldenburgs Cheftrainer Pedro Calles (links) spricht mit Deane Williams.

VOR AUSWÄRTSSPIEL IN ULM Baskets-Coach Pedro Calles blendet Rennen um Platz acht aus

Niklas Benter
Oldenburg
Meinung
Landwirte protestieren am Rande einer Veranstaltung der Grünen. Die Ampel zieht viel Kritik auf sich.

FORDERUNGSKATALOG AUFGESTELLT Darum sind die Landwirte weiterhin wütend auf die Politik

Stefan Idel Büro Hannover
Hannover
Ein Mann zündet sich einen Joint an. In der Umgebung von Schulen und Spielplätzen ist das Kiffen in Niedersachsen weiterhin verboten. Doch wer kontrolliert die Einhaltung?

TEIL-LEGALISIERUNG IN NIEDERSACHSEN Städte und Gemeinden fordern Klarheit und Unterstützung bei Cannabis-Kontrollen

Christina Sticht (dpa)
Hameln
Nach zwei Kellerbränden sucht die Polizei Wilhelmshaven nun Zeugen.

KELLERBRÄNDE IN WILHELMSHAVEN Treibt schon wieder ein Brandstifter sein Unwesen?

Stephan Giesers
Wilhelmshaven
Die AfD hatte bereits Anfang Februar zu einem Bürgerdialog ins Schortenser Bürgerhaus eingeladen, draußen versammelten sich mehrere Hundert Personen zu einer Gegendemo.

SCHORTENSER DEMOKRATIE-FEST ABGESAGT Nun übernehmen Antifa, Jusos und Fridays for Future

Oliver Braun
Schortens