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Kino Der Welt den Mittelfinger zeigen

Anna Grillet

HAMBURG - „Der Rollstuhl ist ein wahnsinnig uncooles Requisit, im Film wie im Leben“, sagt Regisseur Dietrich Brüggemann. „Man kommt keine Treppe hoch, er macht Falten im Teppich, man wird mitleidig angeguckt – und Rollstuhlfahrer im Film gelten ohnehin als Kassengift.“

Dennoch spielt in Brüggemanns neuem Werk „Renn, wenn du kannst“ (Kinostart an diesem Donnerstag) ein Rollstuhl eine wichtige Rolle: Im Mittelpunkt steht der querschnittsgelähmte Ben. Brüggemann und seine Schwester Anna, mit der er das Drehbuch schrieb, wissen wovon sie sprechen: Ihre jüngere Schwester sitzt im Rollstuhl.

Rüde Dreiecksgeschichte

So auch der 26-jährige Ben (Robert Gwisdek). Seit einem Unfall vor sieben Jahren ist er auf den Rollstuhl und die Hilfe anderer angewiesen. Zynismus wird bei ihm zum erprobten Kampfmittel. Er ist ein Virtuose der Boshaftigkeit und Eloquenz und tyrannisiert – wenn auch auf amüsant-bizarre Art – Krankenpfleger wie Mutter. Das funktioniert, bis der neue Zivi Christian (Jacob Matschenz) und die Cellistin Annika (Anna Brüggemann, die auch das Drehbuch mitschrieb) in sein Leben treten. Beide Jungen verlieben sich in die schöne wie empfindsame Musikstudentin.

Für Robert Gwisdek, den Sohn von Corinna Harfouch und Michael Gwisdek, ist die Rolle eine enorme Herausforderung: In jeder der ungelenken Bewegungen und Gesten offenbart sich die verzweifelte Wut des Protagonisten, der kein Mitleid will, aber auch kein Mitgefühl für andere empfindet.

Eigentlich sind ihm Behinderte zuwider, er selbst eingeschlossen. Um in seiner Terminologie zu bleiben, will er im Grunde nur „dem Schicksal den Mittelfinger“ zeigen. Den bissigen, absurden Humor Bens beherrscht Gwisdek perfekt. Idealer Gegenpart ist dabei Anna Brüggemann als begabte und verschüchterte Musikerin, die nicht akzeptieren will, dass eine Querschnittslähmung Liebe ausschließen soll.

Die Autoren beschönigen nichts, und dennoch ist die tragisch-komische und unsentimentale Liebesgeschichte alles andere als moralisierender Realismus. Im Gegenteil, der Film wirkt zwar authentisch, gewinnt jedoch durch seine irrealen Momente eine weitere Dimension: Auf nächtlichen Autostraßen und inmitten trister Duisburger Hochhäuser kreiert der Regisseur eine poetische unwirkliche Atmosphäre.

Träume auf dem Balkon

Ein Balkon mit Hollywoodschaukel wird zum Mikrokosmos, von wo aus die Freunde gemeinsam auf imaginäre Entdeckungsfahrten gehen und ihre Utopien entwickeln. Mit der Liebe haben alle drei noch ihre Schwierigkeiten, aber sie gestehen sich ihre Ängste und tauschen ihre Träume aus. Und wenn es drauf ankommt, kämpfen sie für einander, so dass es nicht zum tragischen Finale wie in François Truffauts „Jules und Jim“ kommt.

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