HAMBURG - Der Mann war ein Nazi, aber er vollbrachte eine mutige, menschlich beeindruckende Tat. John Rabe (1882–1950) bewahrte 1937 in China rund 250 000 Menschen vor den Bombenangriffen der Japaner. Regisseur Florian Gallenberger setzt dem Helden wider Willen jetzt ein filmisches Denkmal. Sein Blick auf Rabes Geschichte vermeidet eine historische Schwarz-Weiß-Malerei.

Mit sieben Nominierungen, darunter in den Kategorien „Bester Spielfilm“, „Beste Regie“ und „Bester Hauptdarsteller“ ist das Historiendrama „John Rabe“, das an diesem Donnerstag anläuft, haushoher Favorit der 59. Verleihung des Deutschen Filmpreises. Die „Lola“ wird am 24. April in Berlin übergeben.

NSDAP-Mitglied John Rabe (Ulrich Tukur) lebt Mitte der 1930er Jahre schon seit langem mit seiner Frau Dora (Dagmar Manzel) in Nanking. Er leitet die örtliche Siemens-Filiale. Als japanische Flugzeuge Nanking bombardieren, öffnet er die Tore der Fabrik, um Arbeitern Schutz zu gewähren. Gemeinsam mit anderen einflussreichen Ausländern, die ihm keineswegs alle wohl gesonnen sind, errichtet und leitet er schließlich eine Schutzzone für die Zivilbevölkerung.

Die Japaner hatten Teile Chinas besetzt. Im Dezember 1937 umzingelten sie Nanking und begannen mit dem Angriff auf die damalige chinesische Hauptstadt. Es kam zu schlimmen Exzessen der japanischen Soldaten an der Zivilbevölkerung. Rabe hielt die Vorgänge in seinem Tagebuch fest: „Wir sind in jenen Dezembertagen buchstäblich über Leichen gestiegen“.

Gallenberger, 2001 mit dem „Oscar“ für seinen Kurzfilm „Quiero ser – Gestohlene Träume“ ausgezeichnet, stellt bei seinem Blick auf Rabes Leben das Aberwitzige in den Mittelpunkt. Kammerspielartig dicht versucht er, sich dem Mann, zu nähern. Behutsam darauf bedacht, keine Schönfärberei zu betreiben, verklärt der Film Rabe keineswegs als Kerl ohne Fehl und Tadel oder gar als bewussten Widerstandskämpfer.

Der ruhige Film zeigt deutlich, dass Rabe an die Spitze des Schutzzonen-Komitees gedrängt wurde. Dort hat er die ihm nun auferlegte Pflicht mit deutscher Gründlichkeit erfüllt. Die sich daraus ergebende Zweideutigkeit sorgt für ungeheure Spannung. Wenn da etwa Hunderte Menschen Schutz unter einer überdimensionalen Hakenkreuzfahne finden, bekommt der Zuschauer eine Gänsehaut und einiges zum Grübeln mit auf den Weg.

Der Film besticht insbesondere durch die Leistung von Hauptdarsteller Ulrich Tukur. Er spielt den aus Hamburg stammenden Geschäftsmann mit einer faszinierenden Mischung aus „Hoppla, jetzt komm ich!“-Präsenz und verhaltener Zweideutigkeit. Tukur erweist sich als faszinierender Charakterinterpret. Dank seiner Kunst, mit winzigen Andeutungen viel zu sagen, wird das erschreckende Nebeneinander von Unmenschlichkeit und Menschlichkeit fassbar.