HAMBURG - HAMBURG - Der Zauber wirkt. Man muss keine Kristallkugel befragen, um zu wissen, dass der neue Harry-Potter-Band, der in der kommenden Nacht auf Deutsch ausgeliefert wird, reißenden Absatz findet. Die Startauflage von „Harry Potter und der Halbblutprinz“ zählt nicht von ungefähr zwei Millionen Exemplare.
Groß sind die Erwartungen hinter und vor dem Verkaufstresen. Schließlich steuert die Geschichte vom Jung-Magier, der gegen den grundbösen Lord Voldemort kämpft, dem Ende entgegen. Nach Folge sieben soll alles vorbei sein.
Und weil seit den Anfängen immerhin fast acht Jahre vergangen sind, führt Autorin Joanne K. Rowling – einstige Sozialhilfeempfängerin und heute eine der reichsten Frauen Europas – im „Halbblutprinz“ die Fäden zusammen und legt neue Fallstricke aus.
Das scheint der 40-Jährigen allerdings mehr Last denn Lust zu bereiten. Vorbei sind die Zeiten, da kleine Skurrilitäten für Spaß sorgten und fabelhafte Wesen das Szenario bevölkerten. Die Hauselfen, Einhörner, Kentauren, Drachen und Hippogreifs – sie haben nur noch Gastauftritte. Ebenso wie einige von Harrys alten Freunden vom Hogwarts-Internat. Rowling räumt gnadenlos auf. In Band sechs hat nichts Nettes mehr Platz, was vom großen Finale ablenken könnte. Das macht die Erzählung keineswegs stringenter, es lässt sie nur liebloser wirken. Und vermittelt den starken Eindruck, hier handele es sich ausschließlich um ein „Brückenbuch“.
Ein aus den Fugen geratenes „Brückenbuch“. Stolze 656 Seiten umfasst die deutsche Übersetzung. Nun gut, der Vorgänger – „Harry Potter und der Orden des Phönix“ – brachte es auf über 1000. Aber die waren letztlich packender.
Als hätte Rowling das Interesse an ihrem lieb und teuer gewordenen Personal verloren, dreht sich im „Halbblutprinz“ fast alles um Voldemorts Vergangenheit.
Dabei entwickelt die Autorin zwar den Ehrgeiz zu einer gewissen Psychologisierung, endet aber in der Banalisierung. Voldemort – wer hätte das gedacht? – war nämlich nicht immer schlecht. Als er noch Tom Riddle hieß und ein armer Waisenjunge war, musste er viele schlimme Erfahrungen machen. Arg bemühte Parallelen zu Harrys eigenem Schicksal.
Zu bemüht sind auch jene zum realen Leben. Voldemorts Kohorten benehmen sich, als seien sie in einem El-Kaida-Camp ausgebildet worden. Ein namenloser Premierminister mit jugendlichem Charme (Ähnlichkeiten sind gewiss rein zufällig) macht sich Gedanken über Anti-Terror-Einsätze. Und – mal ehrlich – wollen wir wirklich wissen, dass in den dunklen Gängen von Hogwarts rumgeknutscht und gefummelt wird?
Vieles vom einstigen Zauber ist dahin. Vielleicht kommt er ja mit Band sieben zurück.
