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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Ein Filmstar des Wirtschaftswunders

15.03.2019

Hamburg Die österreichische Schauspielerin Nadja Tiller galt als eine der erotischsten Frauen des europäischen Films. Als Edelprostituierte Rosemarie Nitribitt in „Das Mädchen Rosemarie“ wurde sie in den 1950er Jahren international bekannt. Seitdem spielte sie in mehr als 120 Filmen und Serien mit. Zuletzt heimste die Wahl-Hamburgerin einen begehrten Hörspiel-Preis ein und stand auch mit stolzen 87 Jahren noch auf der Theaterbühne. Am kommenden Samstag (16. März) wird die einstige Film-Ikone 90 Jahre alt.

Die gebürtige Wienerin gehört zur Schauspielgarde der 1950er und 1960er Jahre. Lange Beine, volle, geschwungene Lippen, sinnlicher Blick, schöne Kurven – die erste gewählte Miss Austria. Sie konnte zugleich Vamp und Grande Dame verkörpern und spielte sich schließlich als Luxus-Callgirl Rosemarie auf die Wunschzettel der europäischen Regisseure.

Sie hätte statt Anita Ekberg im Trevi-Brunnen („La Dolce Vita“) baden, an der Seite von Marcello Mastroianni spielen („La notte“) und mit Alain Delon („Rocco und seine Brüder“) drehen können. Doch Tiller lehnte diese Angebote ab. Sie hätten sie zum Weltstar machen können. „Ich war leider nicht klug genug und zu dumm und habe dann drei sehr berühmte Filme nicht angenommen“, sagt Tiller. Damals seien die drei Regisseure auch noch nicht so berühmt gewesen, wie nach diesen Filmen. „Und letztendlich würde ich wahrscheinlich heute genauso hier sitzen – auch, wenn ich einen davon gemacht hätte“, so die Schauspielerin weiter.

Die Liste ihrer Engagements kann sich dennoch sehen lassen. Sie arbeitet international, spielt an der Seite von Jean Paul Belmondo („Der Schlaufuchs“), Anita Ekberg und O. W. Fischer („El Hakim“). Besonders in Erinnerung blieb ihr ein Film aus dem Jahr 1958: „Mein Lieblingsfilm ist ohne Frage der, den ich mit Jean Gabin gemacht habe.“ („Im Mantel der Nacht“). Gabin sei ein großartiger, präziser und sehr kollegialer Schauspieler gewesen. „Er hat mir schon sehr imponiert, und ich mochte ihn auch sehr gern.“

Besonders stolz ist sie rückblickend darauf, dass sie sich auf ein Musical („Applaus“, Lübeck) eingelassen hatte, obwohl sie nicht gut singen konnte. „Da habe ich wirklich sämtliche Kräfte mobilisiert, die ich hatte. Und ich war sehr stolz, dass ich das geschafft hatte.“

Am Filmset fand die Tochter einer Opernsängerin und eines Schauspielers nicht nur Ruhm und Erfüllung. Sie fand auch ihren Walter. 1956 heiratete sie den deutschen Schauspieler Walter Giller („Die Drei von der Tankstelle“, „Rosen für den Staatsanwalt“, „Charleys Tante“). Die beiden galten als das Glamourpaar der Wirtschaftswunderzeit. 55 Jahre lang waren die beiden verheiratet, bevor er Ende 2011 wegen einer Krebserkrankung mit 84 Jahren starb. Als das Geheimnis ihrer langen Ehe bezeichneten beide viel Toleranz. Sein Appartement neben ihrem in der Seniorenresidenz an der Elbe hat sie behalten – für Gäste. Ihr Mann sei natürlich noch immer in ihren Gedanken. „Aber er entfernt sich immer mehr. Die Zeit ist eben so.“

Nach dem Tod ihres Mannes nahm Tiller weiter Engagements an – wenn auch kleinere. 2013 nahm sie mit dem Schweizer Schauspieler Fritz Lichtenhahn, der bis zu seinem Tod ebenfalls in ihrer Seniorenresidenz wohnte, das preisgekrönte Hörspiel „Traumrollen“ auf. Darin spielen sich die beiden als zwei Bühnen- und Filmlegenden in einem Seniorenheim noch einmal durch die Theatergeschichte. Die Arbeit wurde mit dem Deutschen Hörspielpreis ausgezeichnet.

Zuletzt stand Tiller mit 87 Jahren für „My Fair Lady“ in Braunschweig noch einmal auf der Bühne. „Es war eine kleine Rolle, und das hat mir großen Spaß gemacht und war eigentlich ein schöner Abschluss.“ Dann sagte sie dem Theater endgültig Adieu. „Es strengt mich ja letztlich doch sehr an.“

In ihren 90. Geburtstag wird Tiller reinfeiern, am Tag zuvor ist sie beim Norddeutschen Rundfunk in eine Talkshow eingeladen. „Das geht ja sowieso immer ein bisschen bis nach Mitternacht, und ich kann mir auch Freunde einladen, die mit zur Talkshow hinkommen. Das ist doch sehr schön. Am Abend werde ich mit meiner engen Familie essen gehen.“ Tiller hat zwei Kinder und vier Enkelkinder. „Ich habe in meinem Leben eine Menge Glück gehabt – nicht zuletzt, da ich einen besonders netten Mann hatte“, sagt die Österreicherin. „Ich bin einfach zufrieden!“

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