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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Starschauspielerin mit Topffrisur

19.02.2019

Hamburg Melissa McCarthy ist für ihre schrillen Auftritte in derben Komödien bekannt. Ob „Brautalarm“, „Taffe Mädels“, „Spy – Susan Cooper Undercover“ oder „The Happytime Murders“ – die 48 Jahre alte Hollywood-Komikerin schlägt in ihren Rollen leidenschaftlich über die Stränge. Das tut sie jetzt auch in „Can You Ever Forgive Me?“, allerdings mit einer ernsten und emotional tiefen Seite, wie man sie bei McCarthy auf der Leinwand noch nicht gesehen hat.

Mit stumpf-brauner Topffrisur, in altmodischen Tweedsakkos und unförmigen Strickjacken legt sie das Ulknudel-Image gänzlich ab.

Die Komikerin verwandelt sich in eine ruppige, gestrandete Außenseiterin, die sich in ihrer schmuddeligen New Yorker Wohnung lieber mit Katzen, Büchern und Schreibmaschinen als mit Menschen umgibt. McCarthy porträtiert die US-amerikanische Autorin Lee Israel (1939– 2014), die nach einer kurzen Karriere als Bestseller-Autorin von Biografien in eine schwere Krise gerät. Die Aufträge bleiben aus, sie ist pleite, schwermütig, trinkt zu viel und eckt bei ihren Agenten und Kollegen mit rüpelhaftem Benehmen an.

In ihrer Geldnot entdeckt sie ein besonderes Talent. Mit Fälschungen von Briefen berühmter Autoren und Schauspieler, darunter Ernest Hemingway, Dorothy Parker und Noël Coward, hält sich die Autorin in den 1990er Jahren über Wasser.

Mit ihrer Gratwanderung in dieser einfühlsamen Tragikomödie schafft es McCarthy, die Zuschauer auf ihre Seite zu ziehen. Dieser gescheiterten Einzelgängerin mit ihren vielen Macken nimmt man zugleich die brillante, beherzte Schreiberin ab, die sich von Rückschlägen nicht unterkriegen lässt.

Dass sich hinter ihrer Kratzbürstigkeit mehr versteckt, zeigt die schräge Freundschaft, die sie mit Jack Hock, einem trinkfreudigen, schwulen Kneipengänger entwickelt. Der Brite Richard E. Grant spielt diesen gestrandeten Charmeur, der wie Lee Israel am Existenzminimum kratzt. Sie befinde sich gerade „in einer ziemlich kriminellen Lage“, vertraut sie ihm nach einigen Drinks in einer Bar an. „Ich schmücke literarische Briefe bekannter Schriftsteller aus“, so stellt Israel ihre Fälschungen dar. Bald machen sie gemeinsame Sache, bis das FBI den beiden auf die Fährte kommt.

Als ungleiches Verliererpaar, das sich über die Zweckfreundschaft näher kommt, sind McCarthy und Grant genial. Das honorierten die Wähler der Oscar-Akademie mit einer Nominierung für McCarthy als beste Hauptdarstellerin (sie war 2012 für ihre Nebenrolle in „Brautalarm“ schon einmal im Rennen). Für den 61 Jahre alten Grant, der in Filmen wie „Zeit der Unschuld“, „Gosford Park“ und „Die Eiserne Lady“ kleine Rollen hatte, ist die Aussicht auf einen Nebenrollen-Oscar die erste große Preischance seiner Karriere.

Nominiert ist auch das adaptierte Drehbuch von Nicole Holofcener und dem Autor Jeff Whitty. Es beruht auf den 2008 von Israel geschriebenen Memoiren „Can You Ever Forgive Me?“. Unter der Regie der Kalifornierin Marielle Heller („The Diary of a Teenage Girl“) entsteht ein einfühlsames Porträt mit teils scharfzüngigen, teils melancholischen Dialogen, die ans Herz gehen. Dabei versetzt einen die Regisseurin in das fast schon altmodisch anmutende New York der frühen 90er Jahre, mit wunderbaren Szenen aus dunklen Antiquariaten, Antikläden mit Schreibmaschinen und verrauchten Kneipen.

Auch wenn die Brieffälscherin am Ende vor Gericht steht, kippt die Geschichte nicht ab. Man glaubt es ihr aufs Wort, dass sie nichts bereut hat. Sie habe „die beste Zeit“ ihres Lebens gehabt, als Schriftstellerin Briefe ihrer geschätzten Figuren zu erfinden und sich mit poetischen Worten an der Schreibmaschine auszutoben.

Bleibt nur zu hoffen, dass Melissa McCarthy nun häufiger komplexe Charaktere wählt. Der Vollblut-Komikerin ist es großartig gelungen, eine schwierige Figur mit einer breiten Palette von Gefühlen umzusetzen.

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