Hamburg - Ein geistliches Werk tanzen – darf man das? Als John Neumeier 1980 in Hamburg seine Choreografie von Johann Sebastian Bachs „Matthäuspassion“ präsentierte – zuerst im „Michel“, dann in der Oper – löste das heftige Diskussionen aus. Heute zählt seine Version des Bachschen Meisterwerks zu den Klassikern des Tanztheaters – wie vieles, das der gebürtige US-Amerikaner im Laufe seiner langen Karriere geschaffen hat. Am 24. Februar wird der gefeierte Tänzer und Choreograf nun 80 Jahre alt.
Im vergangenen Jahr gab er bekannt, er werde bis 2023 Intendant und Chefchoreograf des an der Staatsoper beheimateten Hamburg-Ballett bleiben; dann wird er die Leitung des 1973 gegründeten Ensembles tatsächlich seit 50 Jahren innehaben – eine „außerordentlich faszinierende Lebensaufgabe“, so Neumeier, der schon jetzt dienstältester Ballettdirektor der Welt ist. Die Marke von 1000 Vorstellungen in rund 30 Ländern knackte er vor Jahresfrist.
Weg nach oben
In die Wiege gelegt ist ihm seine große Karriere nicht: Geboren als Sohn eines Seemanns und einer Hausfrau in Milwaukee, interessierten ihn schon früh „Zeichnen, Malen, Lesen, eben alles Künstlerische“, so Neumeier. Seine Mutter förderte Johns Interessen nach Kräften, ließ ihn Zeichenunterricht nehmen und ging mit ihm ins Kino und sogar ins Ballett: „Coppelia“ von Leo Delibes. „Ich saß ganz weit oben. Dann fingen sie an zu tanzen. Ich habe gebetet: Gott, lass sie nicht sprechen!“ Sein Gebet wurde erhört. Der Grundstein war gelegt für eine lebenslange Leidenschaft.
Den Schritt, aus seiner Passion einen Beruf zu machen, wagte er dank eines Jesuitenpaters: John J. Walsh, Tanzlehrer an der katholischen Marquette-Universität in Milwaukee, wies dem jungen Mann seinen Weg als Tänzer.
Und der führte Neumeier in kürzester Zeit ganz nach oben. Über New York ging es nach London und Stuttgart, wo mit John Cranko damals einer der renommiertesten Ballettdirektoren tätig war. Von 1963 bis 1969 gehörte der junge Amerikaner Crankos Compagnie an, entwarf dort auch seine ersten Choreografien. Es folgte der Ruf als Ballettdirektor nach Frankfurt, wo er mit Neudeutungen klassischer Handlungsballette („Nussknacker“, „Romeo und Julia“) für Aufsehen sorgte, was ihm die Einladung nach Hamburg einbrachte.
Werke der Weltliteratur
Dort erschloss er dem Ballett zentrale Werke der Weltliteratur, von Homers „Odyssee“ über Alexandre Dumas’ „Kameliendame“ bis hin zu Thomas Manns „Tod in Venedig“, außerdem verfasste er sein Schlüsselwerk über die Ballettikone Vaslav Nijinsky. Und Neumeier wandte sich Werken der geistlichen Musik zu – als Erster überhaupt. Nach der „Matthäuspassion“ folgte unter anderem das Mozart-Requiem, Händels „Messias“ und Bachs „Weihnachtsoratorium“.
Als Katholik sei es für ihn nichts Ungewöhnliches, Spirituelles in Kunst und Bewegung auszudrücken, so Neumeier. „Aber ich wollte niemandem das Gefühl geben, ich bin jetzt eine Art Priester und versuche, die Menschen in irgendeine Richtung zu zwingen.“ Dazu schrieb er einen Essay mit dem Titel „Ich bin Christ und Tänzer“.
Neumeiers Meisterwerk entwickelte sich zum weltweiten Exportschlager. Oft stand er dabei selbst als Christus auf der Bühne, so etwa 1986 in Hiroshima. „Ich, ein Amerikaner, überbrachte nun durch meine Arbeit, meine Choreografie und meine Gruppe internationaler Künstler eine kulturelle Botschaft von Frieden und Versöhnung“, erinnerte er sich 2015 bei der Verleihung des Kyoto-Preises.
