Bei der Beschreibung eures Musikstils fallen Begriffe wie „Wolf Biermann featuring Van Halen“, Indierock, HipHop und Schlager – eine interessante Kombi. Wie würdet ihr selbst euer Genre beschreiben?
UweWir finden, das Spannende an unserer Musik ist: Wir können es selbst nicht genau beantworten. Wir lieben Musik an sich, setzen uns gerne damit auseinander und experimentieren damit. Da kommen dann manchmal Sachen raus, die klingen eher nach Indierock, manche haben eher HipHop-Elemente mit drin. Und wir glauben, wer sich mit uns auf diese Experimente einlässt, wird richtig Spaß dabei haben.
Uwe und Jansen machen schon seit fast 20 Jahren gemeinsam Musik. 2009 veröffentlichten die beiden unter dem Pseudonym „Nobelpenner“ ein erstes Album. Seit gut zwei Jahren nun sind sie als Band „UWE“ unterwegs. Uwe singt und spielt Gitarre, Jansen spielt Banjo und alles Andere. 2020 veröffentlichten die beiden ihre EP „Café Togo“. Jetzt folgte das Debütalbum „UWE“.
Das Deep-Fake Video zu „Junge Milliardäre“ erschien 2020. Darin tanzt ein vermeintlicher Elon Musk lässig vor einem Spiegel. Dafür gab es bei den Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen den Preis für das beste deutsche Musikvideo. Die besonderen Fähigkeiten im Videobereich kommen nicht von ungefähr: Mit Mitstreitern gründete Uwe die Regiegruppe „Auge Altona“. 2018 gewann die Gruppe für das Musikvideo zum Song „L auf der Stirn“ (Beatsteaks feat Deichkind) den Echo für Bestes Video National.
Der Song „Endlich alt“ auf eurem Album stammte – damals noch unfertig – aus der Feder der Band Deichkind. Wie kam er zu euch?
UweWir kennen uns schon sehr lange, ursprünglich kommen wir ja alle aus Hamburg Bergedorf. Deichkind waren immer die coolen, etwas größeren Kids. Das war ganz spannend, was man damals so mitbekam. Etwa als die Gruppe irgendwann ihren Plattenvertrag bekam. Es hat sich dann einfach ergeben, dass man viel zusammen macht und zusammen arbeitet. Ich habe noch ein zweites Standbein als Musikvideo-Regisseur mit der Regiegruppe Auge Altona – und mit Deichkind mache ich seit zehn Jahren alle Musikvideos. Deichkind haben immer so ein bisschen Verschleiß bei ihrer Songproduktion, da bleiben manchmal auch ganz tolle Sachen liegen, wie eben „Endlich alt“. Ich habe Philipp von Deichkind gefragt, ob sie damit noch was vorhaben. Er sagte nur: „Nee, mach doch mal!“ Mit meinem Bandkollegen Jansen habe ich dann den Song fertig produziert. Philipp und Porky haben sich gefreut und sind sogar im Musikvideo dabei.
Der Song „Nachtschicht“ ist wiederum persönlich und für alle Nachteulen da draußen, oder?
UweMan muss dazu sagen, ich war mal eine Nachteule – das hat sich mit dem Leben etwas gewandelt (lacht). Aber ich finde die Nacht immer noch toll. Es ist eine schöne Tageszeit, so still und man kann den Gedanken ganz anders freien Lauf lassen. Deswegen musste es zur Nacht auch einen Song geben.
Bei den Musikvideos zu „Politisch korrekt sein“ und auch zu eurem Song „Junge Milliardäre“ kommt Künstliche Intelligenz (KI) zum Einsatz. Was reizt euch an der Technik? Es ist ja durchaus umstritten und für manche beängstigend.
UweGenau das ist ja vielleicht auch der Reiz daran, das Experiment zu wagen, mit dieser Technik umzugehen. Es ist schon ein bisschen unheimlich, wenn man das Ergebnis so sieht. Bei „Politisch korrekt sein“ beispielsweise existieren die Politiker, die im Video zu sehen sind, ja in Realität gar nicht – die Gesichter sind alle von einer Maschine erfunden. Ich weiß noch nicht so recht, wie sich KI in der Kunst noch entwickelt. Ob es einfach als kleiner Gimmick toll ist oder ob irgendwann nur noch Maschinen Bilder herstellen. Durchaus aber ein spannendes Thema, mit dem man sich auseinandersetzen muss.
Würdet ihr denn von KI mal einen Song schreiben lassen?
UweAusprobieren würden wir es auf jeden Fall. Aber ich hätte da tatsächlich etwas Respekt vor – weil ich glaube, das würde am Ende gar nicht so schlecht werden (lacht). Vielleicht würde man danach nicht einmal so einen großen Unterschied merken. Es gab ja schon mal Experimente, bei denen KI klassische Musik komponiert hat. Und da haben die Menschen den Unterschied gar nicht genau erkannt.
Das Shooting zum Cover auf dem alten Schiffswrack am Elbufer in Blankenese scheint ja unter widrigen Bedingungen entstanden zu sein.
UweMan muss dazu sagen: Wir waren zweimal dort. Das Cover-Shooting war noch unter ganz guten Bedingungen entstanden. Wenn das Wasser flach genug ist, kommt man mit einer Wathose und einer Leiter einigermaßen auf das Boot. Wenn man aber wie bei dem Videodreh den Gezeitenkalender falsch liest und dann zu spät kommt, steht man plötzlich da und weiß nicht, wie man auf das Boot kommen soll. Wir haben die Klamotten und die Gitarre dann in eine große Ikea-Tasche gepackt und sind rüber geschwommen (lacht). Es war aber August, da war die Elbe nicht so kalt.
Der Song „Nirgendwo dazu“ spielt etwas auf die Musikszene an. Wie seht ihr denn hier die aktuelle Lage?
UweWir haben früher ja auch schon eigene Platten gemacht – das war noch zu Zeiten von CDs und Co. Jetzt mit Spotify, Streaming und Playlisten muss man sehr stark in die Genres passen. Und grade bei einer Band wie unserer ist das eindeutige Einordnen in Genres einfach schwierig. Das trifft es ja auch mit „Nirgendwo dazu“. Es muss aber nicht immer schlecht sein – wenn die Leute unsere Musik entdecken und liebgewinnen, bleiben sie auch dabei. Das ist ein anderes Level, als wenn man auf irgendeiner Playliste steht, wo die Leute deinen Track zwischen vielen mal eben so durchskippen.
Ihr seid auch u.a. als Songwriter oder Produzenten für andere Bands tätig, neben Deichkind zum Beispiel auch Tokio Hotel..
UweJa tatsächlich (lacht). Tokio Hotel ist aber schon sehr lange her, damals circa 2005 habe ich einen Remix für deren allerersten Hit „Durch den Monsun“ gemacht. Dazu kam es eher durch Zufall: Mein damaliger Mitbewohner war mit deren Produzent bekannt und dadurch haben wir den Auftrag bekommen. Wir wussten damals gar nicht, dass das so erfolgreich wird. Ich war danach länger im Urlaub, kam wieder und mein Mitbewohner sagte, der Song sei auf Platz 1 in den Charts und wir bekommen eine goldene Schallplatte (lacht). Das war quasi der erste richtige Producerjob den ich hatte – der gleich in einer Nummer 1 mündete.
Wenn ihr für andere Bands arbeitet, fließt da auch immer etwas UWE mit rein?
UweEs kommt immer auf das Projekt an. Wenn ich mit Deichkind zusammenarbeite, fragen sie natürlich gezielt nach, weil sie unseren Stil mögen. Da geht es hauptsächlich um Texte. Mein Bandkollege Jansen hat zum Beispiel mal für Dendemann oder Fettes Brot produziert, eine Zeitlang haben wir beide live für die Band ZweiRaumWohnung gespielt und Songs geschrieben – in der ganzen Zeit kommt schon einiges zusammen. Wir haben lange zusammen keine eigenen Platten gemacht. Und jetzt als Band UWE – die gibt es ja erst seit zwei Jahren – wollen wir endlich mal wieder „selbst los“ und auf die Bühne.
Wie ist das Gefühl, das erste eigene Album zu produzieren?
UweToll natürlich! Das war so das Positive, was die Pandemie hervorgebracht hat. Man konnte auch mal was Eigenes auf die Beine stellen – wenn eh nichts los ist (lacht).
Ihr habt viel über das Leben und die Gesellschaft gesungen. Ein Tipp von euch: Wie nimmt man denn das Leben am besten – ernst oder mit Humor?
UweMit Humor natürlich! Das ist das allerwichtigste, das Leben nicht zu ernst zu nehmen.
