HANNOVER - Die Schau in der Landeshauptstadt trägt den etwas ironischen Titel „Freiheit ist Freiheit“. Besonders wichtig sind die gezeigten Zeichnungen, die auch den Arbeitsprozess dokumentieren.
von Jürgen Weichardt
HANNOVER - Die unendliche Weite des Himmels verbindet Erik Bulatov in seinen Gemälden mit den begrenzten Lettern einfacher Wörter, die kyrillisch geschrieben, dennoch einen Hauch von Geheimnis bewahren.Die Bilder des 1933 im sibirischen Swerdlowsk geborenen Künstlers gehörten zu den ersten und einprägsamsten Arbeiten, die mit privaten Sammlungen etwa Ende der 60er-Jahre in den Westen gelangten und erkennen ließen, dass in der Sowjetunion neben den Sozialistischen Realisten längst eine neue Avantgarde inoffizieller Künstler herangewachsen war.
Die Ausstellung der Kestnergesellschaft Hannover zeigt nun – abgesehen von wenigen Ausnahmen – das Werk, das nach 1991 in Frankreich entstanden ist, aber natürlich an die älteren Bilder anknüpft.
Unterschiede sind doch zu erkennen: Die Insignien der sowjetischen Macht, die Bulatov teils ironisch, teils hintersinnig zuweilen in den Vordergrund geschoben hatte, sind verschwunden. Und wenn er wie im Bild „Ruhm der KPdSU“, 1975 /2005, die alten Begriffe wieder aufnimmt, dann verstellen sie den Himmel, der die Freiheit bedeutet und prägen die Erinnerung an das Rot falscher Versprechungen.
Allerdings ist hier ein Credo des Künstlers zu erkennen: Sein Ausstellungstitel „Freiheit ist Freiheit“ ist als Tautologie zugleich Ausdruck politischer Phraseologie, denn Bulatov hat wie andere Emigranten natürlich auch das Dasein im Westen und im heutigen Osten keineswegs als paradiesische Freiheit empfunden.
Die Zwänge sind andere, aber sie sind da. Bulatov übt in seinen Bildern jedoch keine Kritik. Seine Werke sind Beobachtungen und Stellungnahmen.
Einfache russische Sprichwörter erfahren in seinen Bildern ihre monumentale Wiedergabe: Wie die Wolken ziehen, so gehen die Geschäfte, ist zu lesen.
Die erstmals ausgestellten Zeichnungen sind wichtige Belege für die Arbeitsweise des Künstlers: In ihnen erprobt er Perspektiven und Verhältnisse von Schriftzügen und Räumen.
Die Zeichnungen machen deutlich, dass die Bildwirkung auf einer präzisen optischen Kalkulation beruht. Die Bilder sind perfekt, weil der Künstler aus den erprobten Alternativen in den Zeichnungen die optimale Variante herausgegriffen hat.
Im Unterschied zu manchem Künstler, dem der Fortfall der Grenzen auch die Themen und Anreize geraubt hat, so dass seine Arbeiten das Feuer verloren haben, beweist Bulatov in seinen soghaft anziehenden Bildern ungewöhnliche Kraft, gepaart mit handwerklich delikater Arbeit. Die Bilder sind einzigartig, weil unvergleichbar.
