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Musik In den Klauen des Rockmonsters

Karsten Krogmann

HANNOVER - Wenn das Stadion einen Deckel hätte, dann ginge er jetzt nicht mehr zu. 52 Meter ragt die Bühnenspitze in den Nachthimmel über Hannover, und da, wo früher einmal der Mond schien, glitzert nun eine Disco-Kugel.

Unterm Pfeiler kauert „The Claw“, die Kralle, sie streckt ihre Spinnenbeine von der Ost- zur Westtribüne, umklammert einen 150 Meter langen Laufsteg und in der Mitte eine drehbare Bühne. Rund 30 Millionen kostet dieses 190 Tonnen schwere Technikmonster; U2 haben gleich drei davon im Gepäck.

Doch während 57 000 Menschen im ausverkauften AWD-Dome noch mit offenem Mund über die wohl größte Rockbühne der Welt staunen, dreht der Tonmann fix den Regler hoch. David Bowies „Space Oddity“ bollert aus den Spinnenbeinboxen, und eine riesige Rundleinwand unter der Discokugel schaltet live in den Backstage-Bereich: Vier Herren machen sich auf den Weg zur Arbeit, zwei von ihnen haben Musikinstrumente dabei. Jetzt wird es auch auf den Tribünen laut.

Gitarrist The Edge nötigt seiner Gibson einige Protestnoten ab, Bassist Adam Clayton und Schlagzeuger Larry Mullen lärmen tüchtig mit, und nach eineinhalb Minuten einigt man sich auf „Beautiful Day“, einen zehn Jahre alten Gassenhauer. Die Leute auf den Tribünen springen auf.

In Deutschland repariert

Denn da unten läuft Bono Vox los, der Sänger. Er trägt eine schwarze Lederhose und eine schwarze Lederjacke, die Augen versteckt er wie immer hinter einer dunklen Brille. Der 50-Jährige hat gerade eine Bandscheiben-OP hinter sich, „deutsche Ärzte und deutsche Krankenschwestern haben mich wieder zusammengeflickt“, sagt er. „Da“, ruft er und klopft sich hinten aufs Leder, „made in Germany!“ Er quert den Laufsteg linksherum und rechtsherum, er tänzelt über die drehbaren Stahlbrücken, er reißt ruckartig die Arme hoch; vielleicht ist das ja Teil der Bandscheiben-Reha.

Der Oldie „New Year’s Day“, das frische „Get on Your Boots“, das bewährte „Elevation“, nagelneu dann „Glastonbury“ – das alles sind bullige Stadionrocker, die U2 antrittsstark über das Fußballfeld bolzen. Bei der Musik verlässt sich die irische Band nicht auf millionenschwere Technik: Rau und ungestüm ist der Sound, eher schlicht ja auch die Songs, getragen vom pulsierenden Bass und von Bonos Zeitlupen-Melodien, die jeden Titel hymnentauglich machen. Lediglich ein Keyboarder unterstützt die Band stellenweise; er sitzt versteckt unter der Riesenbühne.

Dort arbeitet „The Claw“, die unheimliche Maschine, natürlich pausenlos. Ständig öffnen sich neue Klappen im Bühnenboden, aus denen Wechselgitarren für The Edge und Alternativbässe für Clayton gereicht werden, zweimal fährt ein Yamaha-Klavier auf und wieder ab. Dazu leuchten tausende Lampen an den Spinnenbeinen und im Bühnenboden, die 360°-Grad-Leinwand klappt sich auf 20 Meter aus, Mullens Schlagzeug dreht sich um sich selbst.

Etwas zu viel des Guten

Und weil U2 ja in den frühen 80ern hauptberuflich im Rebellenfach tätig waren, gibt es nach eineinhalb Stunden doch noch ein bisschen Politik. „Sunday Bloody Sunday“ geht als Protestbrief an den Iran, die eingesperrte birmanische Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi bekommt eine Lichterkette, der südafrikanische Bischof Desmond Tutu darf per Videobotschaft „One“ ankündigen. Und „Moment Of Surrender“ widmet Bono „diesem tollen Menschen, der in dieser Stadt gestorben ist: Robert Enke“. Larry Mullen trägt ein 96-Trikot, und das ist vielleicht ein bisschen viel des Guten.

Aber da sind die 140 Minuten „360°“-Spektakel auch schon vorbei, die Discokugel schießt letzte Goldpfeile und Silberblitze auf Hannover. Das Ende eines perfekten Rockkonzerts: bunt und laut und schrill und unvergleichlich.

57 000 Menschen schließen den Mund. Jetzt erst einmal gaaanz tief Luft holen.

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