HANNOVER - Das „Wunder von Braunschweig“ begann im November 2011. Seitdem verteilt ein anonymer Spender in der Löwenstadt Umschläge mit Geld an Bedürftige. Rund 200 000 Euro hat der Wohltäter bis Ende März gespendet. Die rührende Geschichte sorgt weltweit für Schlagzeilen. In Brasilien, Rumänien, Australien, Norwegen und Irland lesen die Menschen in den Zeitungen darüber. „Das Spendenmärchen“ titeln die Blätter häufig. Auch von einem modernen „Robin Hood“ ist immer wieder die Rede. Der US-amerikanische Sender CNN berichtete genauso wie der arabische Sender Al-Dschasira.

Der anonyme Wohltäter steckte 12 000 Euro in einem Umschlag in den Briefkasten der Opferhilfe in Braunschweig. Vor einem Hospiz legte er 10 000 Euro unter eine Fußmatte. Auch Schulen, Kindergärten, die Braunschweiger Stadtbibliothek, Kirchengemeinden und die Braunschweiger Tafel wurden von dem edlen Spender bedacht. In einem Fall war der Umschlag mit der Spende in einer Kirche zwischen den Gesangbüchern versteckt. Auch Einzelpersonen wurden beschenkt, etwa eine alte Frau, die Opfer von Trickdieben geworden war, und ein Junge, der seit einem Schwimmunfall schwerbehindert ist.

Über den Spender und seine Motive wird weltweit gerätselt. Bisher ist nur bekannt, dass er offensichtlich auf Veröffentlichungen in Zeitungen reagiert. Im März wies der elfjährige Pablo aus Buenos Aires, der in einer Fernsehdokumentation von dem Spendenmärchen erfahren hatte, auf die Notlage seiner Familie in Argentinien hin. Seine Mutter sei arbeitslos und könne die Miete nicht zahlen. „Herr anonymen Wohltäter. Ich habe elf Jahre und leben in Buenos Aires“, schrieb der Junge in gebrochenem Deutsch. Den Brief veröffentlichte die „Braunschweiger Zeitung“ auf ihrer Internetseite – und der Wohltäter reagierte.

In einen Umschlag mit Geld für die Opferhilfe legte der Unbekannte einen Zeitungsartikel hinein, in dem Pablo zitiert wird. An den Artikel heftete er 2000 Euro. Das Geld wurde nach Angaben der Opferhilfe an den Jungen weitergegeben. Die Organisation hat nun insgesamt 30 000 Euro von dem mysteriösen Spender erhalten. Ein Großteil des Geldes soll den Opfern von Straftaten in der Region zu Gute kommen.

Möglicherweise verteilt der Unbekannte seine Spenden inzwischen auch außerhalb der Stadt. So erhielt die Propstei im benachbarten Helmstedt kürzlich einen anonymen Spendenbrief mit 1950 Euro in gebündelten 50-Euro-Scheinen. Beigefügt war ein Zeitungsausschnitt aus den „Helmstedter Nachrichten“, in dem auf die soziale Arbeit einer Kirchengemeinde in der Stadt hingewiesen wurde. „Ich finde es erstaunlich, dass es jemanden gibt, der sein Geld an Organisationen verschenkt, ohne dass er persönlich etwas davon hat“, erklärte Propst Detlef Gottwald.

Das „Wunder von Braunschweig“ hat bereits einen eigenen Eintrag im Internet-Lexikon „Wikipedia“. Und die Menschen im weltweiten Netz diskutieren weiter fleißig darüber, ob der anonyme Spender ein großes Herz oder ein schlechtes Gewissen hat. Einige möchten wohl gerne etwas abhaben von dem Kuchen. „Suche Wohnung in Braunschweig“, heißt es in Foren.

Obwohl es vor Ostern um den Unbekannten etwas ruhiger geworden ist, bleibt die Neugier. Doch nicht alle wollen das Geheimnis lüften. „Ist doch ganz egal, wer er oder sie ist. Er/Sie ist Mensch im besten Sinne, mehr muss man nicht wissen“, schreibt einer im Internet und spricht damit vielen aus der Seele.