Navigation überspringen
nordwest-zeitung
Abo-Angebote ePaper Newsletter App Prospekte Jobs Immo Trauer Shop

Literatur Was Harpstedt vor 300 Jahren bewegte

Karsten Kolloge

Harpstedt - Unter Historikern gilt sie als Schatz, den es beileibe nicht in jedem Ort gibt. Die „Redeker-Chronik“ schildert, was die Menschen im Amt Harpstedt im ausgehenden 17. und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts bewegte. Sie ist also keine Fürstengeschichte, sondern Geschichte „von unten“. 254 Jahre nach dem Tod des Verfassers wird das Werk jetzt erstmals veröffentlicht – und am Freitag, 7. September, im Hotel Zur Wasserburg vorgestellt.

Dass es die Chronik überhaupt noch gibt, ist ein Glücksfall. Denn als in der Nacht auf den 9. Oktober 1943 die bis dahin schwerste Bombardierung Hannovers stattfand, wurde das Staatsarchiv am Waterloo-Platz schwer beschädigt. Viele Dokumente wurden ein Raub der Flammen – auch die „Collectanea“ des Amtsschreibers Johann Heinrich Redeker (1682 bis 1764). Das ungedruckte Werk wäre für immer verloren gewesen, wenn nicht der Harpstedter Lehrer und spätere Rektor Robert Grimsehl 1938 eine Abschrift davon gemacht hätte. Die Existenz dieser Abschrift war bekannt, doch war sie als Manuskript in Privatbesitz und der Öffentlichkeit kaum zugänglich.

Die Herausgabe von Redekers „Collectanea“ ist ein Projekt des Beirates zur „Bäuerlichen Siedlungs- und Geschlechtergeschichte der Samtgemeinde Harpstedt“. Der Diepholzer Historiker Dr. Herbert Bock hat auf Basis der Grimsehlschen Abschriften den Redekertext so weit wie möglich wiederhergestellt und kommentiert – damit der Inhalt dem heutigen Leser leichter verständlich wird. Wissenschaftlich begleitet wurde das Vorhaben durch Prof. Dr. Bernd Hucker.

Ellenlanger Titel

Ungewöhnlich lang ist der Titel des Buchs, bei dem Bock auf das Original zurückgriff: „Johann Heinrich Redekers Historische und Geographische Collectanea von der uralten   Burg und Weichbilde Harpstädt auch umliegendem Amt und dessen Nachbarschaft.“ Es erscheint im Solivagus-Verlag in Kiel und wird 29 Euro kosten.

Bei Feldzügen dabei

Redeker, so sagte Verleger Dr. Stefan Eick, berichte vor allem ab 1700 sehr detailliert. „Er listet fast für jedes Jahr die Bürgermeister, Ratsmänner und Schreiber auf, informiert über Geburts- und Sterbequoten, über Ereignisse wie Brände und Seuchen mit Opferzahlen. Er schildert weiter einige Suizidversuche, Verbrechen jeglicher Art sowie die fast obligatorischen Auseinandersetzungen zwischen dem Amt Harpstedt und der Stadt Wildeshausen.“

Auch berichtet Redeker über Unfälle und deren Behandlung, die Neuerrichtung von Häusern, über Teilnehmer aus Harpstedt am Türkenfeldzug inklusive der Gefallenen und Verwundeten sowie über Teilnehmer an der Schlacht bei Höchstädt im Spanischen Erbfolgekrieg.

Im vorletzten Abschnitt listet Redeker summarisch verschiedene Dinge mit Stand 1756 auf – wie Schulen im Amt, Bürgergeschlechter, gebräuchliche Vornamen, regionaltypische Kleidertracht.

Es folgen geografische und topografische Beschreibungen der Dörfer, Feldmarken und Weiden, Hölzer, Moore, Gewässer, der Fauna und Flora.

Redeker schrieb auf, was er „je gehört, gelesen und (über Harpstedt und Umgebung) erfahren“ hatte. Darüber hinaus führt er den Leser in die Gedankenwelt eines vielseitig talentierten Menschen der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein, der teilweise noch zwischen Tradition und Aufklärung schwankt.

Die „Collectanea“, so ist Eick überzeugt, sind für Historiker, Heimat- und Familienforscher und geschichtlich interessierte Bürger eine Fundgrube. „Für die Samtgemeinde Harpstedt stellen sie einen Gewinn dar, auch wenn Colnrade hier weitgehend unberücksichtigt bleibt, da diese Gemeinde seinerzeit territorial nicht zum alten Amt gehörte.“

Johann Heinrich Redeker war in Harpstedt aufgewachsen und bekleidete bis zu seinem Weggang nach Hannover 1723 als Kammerschreiber das Amt des Amtsschreibers in Harpstedt. Er blieb bis zu seinem Lebensende der alten Heimat verbunden, hielt Kontakt, namentlich über seinen Stiefsohn J.A. Augspurg, der zeitweilig in Harpstedt Pastor war.

Themen
Artikelempfehlungen der Redaktion
Nach Zündung der beiden Sprenglandungen sackte der Kran zusammen und fiel wie geplant zu Boden.

RHENUS MIDGARD Kran im Nordenhamer Hafen gesprengt

Nordenham
Zieleinlauf beim Matjeslauf in Emden 2023

VOLKSLÄUFE IM NORDWESTEN IM JUNI – TEIL 1 Von 5 Kilometer bis 6 Stunden – Elf Startgelegenheiten bis zu den Sommerferien

Mathias Freese
Nordwesten
Sind in diesem Sommer früh wieder gefordert: Jan Urbas (links) und Nicholas Jensen

FISCHTOWN PINGUINS Erfolge bescheren Bremerhavener Eishockey-Team dichten Terminplan

Hauke Richters
Bremerhaven
Nimmt im Sommer erstmals an den Olympischen Spielen teil: der Oldenburger Jannis Maus

„ICH WILL MÖGLICHST VIEL AUFSAUGEN“ Oldenburger Kitesurfer Jannis Maus fiebert Olympia-Premiere entgegen

Niklas Benter
Oldenburg
Da wird die Deckenlampe zum Duschkopf: Das Wasser kommt durch die Decke und läuft an den Wänden hinunter.

MIETÄRGER IM AMMERLAND Wenn das Wasser aus der Deckenlampe strömt

Anke Brockmeyer
Westerstede