HATTEN - Dem Staat hat er durch seine Arbeit über drei Jahrzehnte geholfen, Millionen Euro an hinterzogenen Steuern zurückzuholen. Von Jürgen Fischers detektivischen Fähigkeiten profitierte auch die Anhaltinische Landesbücherei Dessau. Der Steueroberamtsrat, der beim Finanzamt für Fahndung und Strafsachen in Kreyen­brück arbeitet und in der Gemeinde Hatten lebt, spürte die verschollen gelaubte Cranach-Prachtbibel auf. Der Abschluss seines wohl spektakulärsten Falls liegt zwar 15 Jahre zurück, vergessen ist dieser Erfolg des heute 61-Jährigen aber keineswegs. In einer TV-Dokumentation erinnert der MDR an diesem Donnerstag, 22.05 Uhr, an Fischers großen Fang. „Die Raketen, der Millionär und die Dessauer Bibeln“ heißt der Film von Dagmar Brendecke und Walter Brun.

„Das Zustandekommen des Films dauerte acht Jahre“, erzählt Jürgen Fischer. Immerhin neun Jahre benötigte er, um zusammen mit seinem Kollegen Hans-Gert Schröder den Fall der 470 Jahre alten Bibel abzuschließen.

Dabei geht es um den zweiten Band der dreibändigen Prachtausgabe der lutherischen Bibelübersetzung. Die Bibel des Fürsten Georg von Anhalt aus der Werkstatt von Lucas Cranach ist auf feinem Pergament gedruckt, mit ziseliertem Goldschnitt und kolorierten Holzschnitte. Alles ist so luxuriös gearbeitet, dass man die beiden Testamente auf drei Bände verteilen musste. Zudem wurden sie ergänzt mit eigenhändigen Einträgen der Reformatoren Luther (1483-1546), Philipp Melanchthon (1497-1560), Johannes Bugenhagen (1485-1558) und des Theologen Caspar Cruciger (1525-1597). Von den drei Bänden galten die ersten beiden als Kriegsverlust. Der dritte war nie verschwunden.

Von der Existenz des zweiten Bandes erfuhren die Oldenburger Steuerfahnder erstmals Ende 1987, als ein damals 53-jähriger Industrieller aus dem Osnabrücker Land damit Schwarzgeld waschen wollte. Ein Millionenvermögen aus Geschäften mit Rüstungsgütern im Nahen Osten erklärte der Mann laut Fischer gegenüber dem Finanzamt mit dem angeblichen Verkauf der Luther-Bibel. Für umgerechnet sieben Millionen Euro habe sie in der Schweiz ihren Besitzer gewechselt, behauptete der Geschäftsmann. Skeptisch wurden Fischer und sein Kollege Schröder, als sie erfuhren, dass der Industrielle selbst nur 1,2 Millionen Euro für das Buch bezahlt hatte. Sie vermuteten, dass sich die Bibel nach wie vor im Besitz des Unternehmers befand.

Mit Geduld und Ausdauer machten sich die Fahnder an die Arbeit. Ihr Wissen über Steuergesetze und Bilanzen half ihnen dabei allerdings wenig.

Um die kulturhistorische Bedeutung der 1541 in Wittenberg gedruckte Bibel-Ausgabe einschätzen zu können, recherchierten die Fahnder ein Jahr lang in mehreren Bibliotheken.

Dank des Fachwissens konnten die Beamten die Geschichte des Buches rekonstruieren und den Steuersünder überführen. Die Bibel fand sich im Tresor einer Schweizer Bank.

„1994 wurde der Industrielle wegen Steuerhinterziehung zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt“, erinnert sich Jürgen Fischer. Zudem musste sich der Verurteilte verpflichten, die Bibel zurückzugeben – wie und zu welchem Preis, wurde aber nicht festgelegt.

Trotz bürokratischer Schwierigkeiten bearbeitete Fischer den Fall weiter und stellte letztlich sicher, dass das kostbare Werk 1996 seinen Weg nach Dessau fand.

Bei seinen Ermittlungen hatte er auch Hinweise auf die Existenz des ersten Bibelbandes gefunden. Dieser noch fehlende Band tauchte erst in diesem Februar wieder auf – allerdings ohne das Zutun des Steuerfahnders. „Ich war aber in Dessau bei der Vorstellung der Bibel“, berichtet Fischer. Das Land Sachsen-Anhalt und die Kulturstiftung der Länder machten jedoch keine Angaben zu den genauen Hintergründen der Entdeckung.

Über seinen eigenen Fall, der international für Schlagzeilen sorgte, hat Jürgen Fischer in den vergangenen Jahren mehrfach in Vorträgen berichtet. Und er hat sich vorgenommen, ein Buch über die Jagd nach der Luther-Bibel zu schreiben. Zeit dafür hat er künftig. An diesem Donnerstag geht der Vater von drei Kindern in Ruhestand. Aus gesundheitlichen Gründen wird er vorzeitig pensioniert.

Als Pensionär möchte Jürgen Fischer vor allem die Dinge tun, die ihm Freude bereiten. Privat segelt er gerne mit seinem eigenen Boot, und er beschäftigt sich schon seit mehr als 30 Jahren mit dem italienischen Komponisten Giuseppe Verdi. „Eigentlich wollte ich Theater- oder Operndramaturg werden“, nennt er seinen früheren Berufswunsch.

Fischer weiß nicht nur mit Zahlen und Bilanzen umzugehen, er kennt sich auch in der Opernwelt bestens aus. Seit Jahren organisiert und moderiert er Opernkonzerte auf einem Landgut in der Toskana. In Planung ist ein Verdi-Konzert mit dem am Oldenburgischen Staatstheater engagierten Tenor Alexey Kosarev.