Bremen - So stellt man sich ein Musikfest vor, das für Gesprächsstoff sorgen will: Acht Konzertorte, Musik bis tief in die Nacht hinein, ein Stadtzentrum voller Klänge zum Auftakt. An einem zauberhaften Spätsommerabend gab es am vergangenen Sonnabend in der „Großen Nachtmusik“ erstklassige Konzerte zu hören – eines war sogar denkwürdig.
Die traditionelle Eröffnungsnacht mit 4000 Besuchern sorgte in Bremens guter Stube rund um Dom, Glocke und Rathaus mit 27 Konzerten für stilistische Weitläufigkeit. Etwa mit Jazz, beispielsweise repräsentiert durch das Trondheim Jazz Orchestra, oder mit Alter Musik: Das Lyoner Ensemble Correspondances servierte Charpentiers „Litanies de la Vierge“ edel und feinsinnig.
Von den Lyoner Musikern ist kaum einer über 30, und auch dies ist ein Markenzeichen der „Großen Nachtmusik“: Immer wieder engagiert Intendant Thomas Albert junge hochklassige Ensembles, bringt er das Musikfest so auch mitten hinein in die aktuellen Strömungen der Klassikszene.
Bei „MusicAeterna“, das in der Glocke spielte, wirkt selbst der Dirigent Teodor Currentzis noch jung. Der Grieche befeuerte sein herausragendes Orchester mit unkonventionellen Gesten zu einer grandiosen Version von Beethovens Coriolan-Ouvertüre.
Dann trat Patricia Kopatchinskaja (38) hinzu, unkonventionelle Repräsentantin der aktuellen goldenen Generation junger Geigerinnen. Patricia Kopatchinskaja strotzte vor Ausdruck, tanzte und sang selbst in den Orchestertutti von Mendelssohns Violinkonzert.
In dem Werk, eigentlich Prototyp des romantischen Violinkonzerts, zerstörte sie alle Aufführungstraditionen. Das Thema zu Beginn nahm sie zurück, dem Geigen-Belcanto im langsamen Satz setzte sie fast brüchigen Klang bis hinab zum dreifachen Piano entgegen. In den Aufschwüngen der Ecksätze fand dieses musikantische Urtier geräuschhafte, gar perkussive Klänge, und verpasste Mendelssohns altem Schlachtross so eine Runderneuerung ohne goldenen Glanz.
So viel Ausdrucksfuror hat indes seinen Preis – etwa im sehr freien Umgang mit dem Tempo oder in bisweilen undeutlich ausgespielten Läufen. Am Ende riss es das Publikum von den Sitzen, aber zwischen allem Jubel waren auch einzelne Gegenmeinungen zu hören.
Wenn das kein Einstieg in das Musikfest war! Ein Konzert, das neugierig macht auf das Bremer Musikfest, und gewiss ein Anlass zu vielen Gesprächen in der bis spät in die Nacht belebten Bremer Altstadt.
