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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Premiere Im Staatstheater Oldenburg: Hexenbraten statt Haxenbraten

08.12.2015

Oldenburg Genau 14 Engel hat Gretel gezählt. Sie sind im Traum aus dem Bühnenhimmel geklettert, um sie und ihren Bruder Hänsel zu beschützen. So viele Sicherheits-Dienstleister braucht es, damit dieses von den Brüdern Grimm ersonnene, abgründige Märchen von „Hänsel und Gretel” gut endet.

Doch in Oldenburg wuseln im Großen Haus des Staatstheaters noch viel mehr Engel herum. Die imaginäre Schar kümmert sich liebevoll und intensiv um Regie, Bühne, Gesang und Musik. Derart beflügelt läuft die Neuinszenierung der 1893 entstandenen Oper von Engelbert Humperdinck nach zwei Stunden geradeaus in stürmischen Schlussapplaus hinein.

Klangwallungen

Regisseur Michael Moxham hat die Geschichte auf die vermeintlich einfachste Art auf die Bühne gestellt: als Märchen, ganz traditionell. Doch ein Kinderspiel hat der Engländer daraus nicht gemacht. Er erhält dem Stück das Unheimliche, das Bedrohliche, das Magische, das Übernatürliche. Allenfalls mindert er die Schärfe des Bösen ab. Schön ist dieses Märchen, auch ohne vorweihnachtlichen Zuckerguss, aber nicht niedlich. Einfache Lehre: Angst kann man überwinden. Dazu muss Moxham nicht den Zeigefinger heben.

Jason Southgates Bühne und Ausstattung liefern Schaustücke voller Poesie in drei Bildern. Schon das Zimmer der Besenbinder-Familie beschreibt die Armut eher griffig als romantisch. Der Wald mit seinen geraden und verqueren Baumstämmen steht für eine schaudern machende Welt des Unbewussten. Das Lebkuchenhaus und eine Lolli-Galerie schweben herein wie aus einer verführerischen Fernsehwerbung. Die Hexenküche zeigt eine Welt, wie Kinder sie lieben: grotesk, komisch, aber spannend bedrohlich. Immer wieder tragen Schattenspiele gerade junge Hörer über ausschweifende Passagen der Musik.

Dirigent Roger Epple und das manchmal geradezu betörend farbenreich spielende Staatsorchester fügen ein weiteres Kunststück ein. Es gelingt ihnen, die Diskrepanz zwischen naivem Märchensujet und spätromantischen Klangwallungen nahezu aufzuheben. Epple ordnet die Partitur so sorgsam, dass nie seimiger Tonbrei über die Sänger quillt. Aber bei aller Feinzeichnung und Neigung zu Volkstümlichkeit und Andächtigkeit behält die an Wagnersche Opulenz angelehnte Musik ihre Kraft und Größe.

Eine Koch-Show

Die Arien der Titelfiguren liegen bei Yulia Sokolik und Anna Avakian in den besten Kehlen. Geschmeidigkeit zeichnet ihre Soprane ebenso aus wie rollengerechte Differenzierung: Gretel als Antreiberin, Hänsel als Junge mit Flausen. Daniel Moon und Melanie Lang besetzen die Stimmen von Besenbinder Peter und seiner Frau Gertrud formidabel. Nicola Amodios Tenor spielt die Falschheit der Hexe mit manchmal abgehackten Kantilenen trefflich aus. Alexandra Scherrmann gibt Sandmännchen und Taumännchen. Schade, dass sie so wenig zu singen hat. Die Kinder und Jugendlichen des von Thomas Honickel einstudierten Klanghelden-Chores runden das Gesamtbild prächtig ab. Am Ende läuft der Hexe ihre preisverdächtige Koch-Show völlig aus dem Ruder. In den wie ein Vulkan bullernden Ofen gerät Hexenbraten statt Haxenbraten. Nach dem Garen bei Umluft mit 140 Grad wird er dekorativ im Lebkuchenmantel serviert. Einfach lecker!


Alle-Kritiken unter:   www.nwzonline.de/premieren 
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