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NWZonline.de Nachrichten Kultur

Hier gibt’s Tattoos ohne Ende

12.02.2015

Hamburg Den Ex-Fußballstar David Beckham sollen angeblich mehr als 30 schmücken, Schauspielerin Angelina Jolie ließ sich die Koordinaten der Geburtsorte ihrer Kinder auf den Oberarm stechen und Bond-Chefin Judi Dench überlegt noch mit 80 Jahren, ob sie sich eines zulegen soll: Tattoos sind längst zu einem Massenphänomen geworden. Dabei gehört die Tradition der Tätowierung zu den frühen Kunstformen, galten Tattoos früher als Erkennungszeichen von gesellschaftlichen Schichten. Eine faszinierende Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe gibt von Freitag an bis zum 6. September einen Einblick in die vielfältige Tattoo-Kultur - von den Anfängen im Hamburger Hafen-Milieu bis zu provokanten Kunstwerken.

Überlebensgroß begrüßen sechs tätowierte Menschen, die der Fotograf Ralf Mitsch für seine Serie „Why I love Tattoos“ abgelichtet hat, die Besucher im Treppenhaus. Da ist René, 44, zweifacher Vater und Leiter eines Telekommunikationsshops, dessen Körper über und über mit Tattoos verziert ist, so dass kaum noch ein Fleckchen unbemalte Haut zu sehen ist. Oder die 29-jährige Ergotherapeutin Sylvie, die sich zwei Pfauenfedern als Symbol für ihre Eltern und ein Marmeladenglas in Erinnerung an ihre Großmutter hat stechen lassen. „Das Vorurteil, nur soziale Randgruppen lassen sich tätowieren, stimmt schon lange nicht mehr. Das Tattoo ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, sagte Kurator Dennis Conrad am Mittwoch in Hamburg.

Das war zu Zeiten der Hamburger Tattoo-Legenden Herbert Hoffmann (1919-2010) und Christian Warlich (1890-1964), aus deren Nachlass bisher unveröffentlichte Fotografien von Hafenarbeitern und Seeleuten zu sehen sind, noch anders. „Warlich war zur See gefahren und hatte in den USA Bekanntschaft mit Tätowierern gemacht. Von dort brachte er eine der ersten elektrischen Tätowiermaschinen mit“, sagte Conrad. 1919 eröffnete der „König der Tätowierer“ auf St. Pauli eine Kneipe, in deren hinterster Ecke er eines der ersten Tätowierstudios auf der Reeperbahn errichtete: Vorne am Tresen konnten sich die Kunden ein Tattoo aussuchen, sich mit Bier und Schnaps Mut antrinken, um sich dann im hinteren Teil der Kneipe Schiffe und Anker stechen zu lassen.

Auch in anderen Ländern hat die Tätowierkunst eine lange Tradition: So geben die Gesichtstätowierungen der neuseeländischen Maori Auskunft über die Familienzugehörigkeit und soziale Stellung der Person. In Thailand sind sakrale Tätowierungen weit verbreitet. Sie sollen ihre Träger vor Unglück bewahren und sie unterstützen, ein moralisch korrektes Leben zu führen. Die Sammlung des Forensikers Arkady Bronnikov zeigt Fotografien russischer Strafgefangener, die Tattoos als geheimes Kommunikationsmittel einsetzen: Sie vermitteln Informationen wie Zugehörigkeit, Beruf, Anzahl der Verurteilungen oder den Rang in der kriminellen Hierarchie. Dabei wurden oft traditionelle Motive umgewandelt: So ist das Kruzifix ein Zeichen der Zugehörigkeit zur Bande „Diebe im Gesetz“.

Auch in der zeitgenössischen Kunst spielen Tattoos eine große Rolle: So ließ sich der deutsche Künstler Timm Ulrichs 1981 die Worte „The End“ auf das rechte Augenlid stechen, um an seine eigene Endlichkeit zu erinnern. Der kapitalismuskritische Konzeptkünstler Santiago Sierra engagierte in Havanna sechs arbeitslose junge Männer, die sich für je 30 Dollar eine waagerechte Linie tätowieren ließen, welche kontinuierlich über alle Rücken der Männer verlief. Für Wirbel bei Tierschützern sorgte im Vorfeld das ausgestopfte, tätowierte Schwein des belgischen Konzeptkünstlers Wim Delvoye, der das Tier unter Narkose von Profi-Tätowierern verzieren ließ. „Wenn der Künstler damit eine Diskussion über den Umgang mit Tieren anstößt, hat er sein Ziel erreicht“, meinte dazu Kurator Dennis Conrad.

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